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"Was also ist der Stand? Vlorum erscheint ernsthaft geschwächt und Epras zeigt auch erste Symptome. Die Fotosynthese ist gestört und es haben sich circa 10cm große braunviolette, schleimige Hautveränderungen im Unterbauchbereich gebildet. Wir haben das Gewebe mikroskopisch untersucht und haben dabei Zellen gefunden, die wir nicht zuordnen können. Es ist eine Form von Ausschlag, wie sie bisher noch nicht beobachtet wurde. Über den Erreger können wir nur mutmaßen. Bakterien sind unwahrscheinlich, ein Virus möglich, am wahrscheinlichsten ist ein unbekannter Pilz.

Wir verabreichen seit etwa einer Stunde Infusionen mit einer leichten Zucker- und CO2 Lösung zur Stabilisierung des Stoffwechsels, ein Fungizid und eine Antibiotikakombination, nur zur Sicherheit. Eine Besserung ist dadurch bisher nicht eingetreten..

Wir wissen nicht, ob diese Krankheit infektiös ist und haben sicherheitshalber beide Patienten in unseren Isolierbereich verbracht. Dort werden wir sie beobachten und weitere Untersuchungen durchführen."

§§§

Fast ein Meter groß war sie im Durchmesser. Die fünf äußeren Blätter waren wie übergroße rot-gelb-changierende, zum Boden hin gebogene Fliegenpilzhüte. Im kohlkopfgroßen Korb, den die fleischfarbenen und wie mit kleinen weißen Maden besetzten inneren Blütenblätter bildeten, ein Blütenboden von der Farbe alten Blutes mit etwas dreißig roten, oben dunkler werdenden spitz zulaufenden Zapfen. Von innen schien er dunkel zu glühen.

Sie hatte den Höhepunkt ihrer Blüte erreicht, wahrscheinlich sogar überschritten Der Geruch, den sie verströmte, war der von großem Aas. Zwei, drei schwarze Käfer kletterten auf dem Blütengrund und ein paar Aasmücken holten sich ihren Teil. Leider gab es auch Stechmücken, die die Begeisterung am Betrachten der Blüte schmälerten.

Der Guide erklärte, dass Rafflesia so selten geworden sei, dass man alleine wegen dieser einen Blüte die Urwaldrodung an diesem Ort gestoppt habe. Nachdem aber schon in wenigen Tagen die Blüte zu braunem Schleim vergangen wäre, könne er nicht sagen, wie es weiter gehe, denn dann gäbe es wohl keine Touristen mehr, die für den Anblick bezahlen wollten.

Vlorum und Epras waren begeistert. So eindrucksvoll und groß hatten sie sich die Blüte nicht vorgestellt. Als der Guide seine Führung beendet hatte, überwiesen sie ihm ein großzügiges Trinkgeld und marschierten dann zurück zu eine riesigen Rodungsstelle, wo der Helikopter stand, der die Touristengruppe hierher gebracht hatte,.

Die beiden kannten sich noch nicht lange. Erst vor drei Monaten waren sie, er aus der Region Europa und sie aus der Region Asien, in der Region Amerika zusammengeführt worden. Das von der Weltregierung in Auftrag gegebene private Raumfahrtprogramm "Marsbesiedelung" hatte sie in einem zweijährigen Verfahren ausgewählt. Beide waren sie 27 Jahre alt, aber das war Zufall. Ihre Hauptqualifikation bestand darin, dass sie genetisch gesund, besonders fruchtbar und psychisch belastbar waren. Vlorum war Physiker und Epras Kinderärztin, eine Zusatzqualifikation. Ihre Aufgabe war es, auf dem Mars ein Kind zu zeugen und es dort großzuziehen. Zur Zeit befanden sie sich in der Kennenlernphase. Schon in zwei Monaten sollte die Mission starten.

Eine Gemeinsamkeit hatten Vlorum und Epras bei den Tests schnell herausgefunden: sie liebten die Natur. Deswegen hatten sie sich für die Kennenlernaktionen Reisen zu den letzten "Naturinseln" auf der Erde gewünscht. Obwohl sie mit ihrer Mission dem Menschen nutzen wollten, war der Mensch für sie nicht alles. Alle anderen Lebewesen zählten genausoviel, und alle Lebewesen waren, wie eigentlich jeder wusste, unabdingbar für das Überleben der Menschen.

Vlorum und Epras waren moderne Menschen der vierten Generation. Für ihre Nahrung musste kein Tier mehr sterben und keine Pflanze zerstört werden. Sie ernährten sich per Fotosynthese.

63% aller Menschen waren inzwischen Fotosynthetiker. Vor gut 300 Jahren war es mit dem CRISPR/Cas9 Verfahren zunächst gelungen, eine Algenart zu herzustellen, die die Ungiftigkeit und Salzwasserverträglichkeit von Ulva lactuca, dem Meeressalat, und den herausragenden Fotosyntheseeigenschaften der Süßwasseralge Chlamydomonas reinhardtii miteinander verband. Diese neue Alge sah man als die Hoffnung für die Welternährung. Forscher gingen aber bald einen Schritt weiter. Was wäre, wenn die Menschen sich nicht von Algen, sondern sich wie eine Alge ernähren könnten? Man editierte das Genom des Menschen und baute die DNA der neuen Algenart in die menschlichen Keimzellen ein. Es gelang.

Nach der Befruchtung und dem Einpflanzen der so veränderten Eizellen entwickelten sich Menschen, die von Geburt an von Licht, dem Kohlendioxid der Atemluft und Wasser leben konnten. Bis zum Jahre 2140 hatte man es geschafft, mehr als 2 Milliarden Frauen davon zu überzeugen, sich mit den genetisch veränderten Eizellen künstlich befruchten zu lassen. Das Argument dafür war überzeugend: Nur als Fotosynthetiker hatte der Nachwuchs eine Zukunftschance. Weil das neue Algen-Gen erblich war wurden die folgenden Generationen bereits mit der veränderten DNA geboren. Fotosynthetiker zeugten und gebaren Fotosynthetiker.

In der ersten Generation hatten die Fotosynthetiker noch dass Bedürfnis nach fester Nahrung gehabt. Damals gab man ihnen nährstoffarme zähe Gels, die lange in Magen und Darm verblieben, aber letztendlich doch traditionell entsorgt werden mussten. Schon die zweite Generation brauchte dies nicht mehr und produzierte lediglich Sauerstoff als Ergebnis der Fotosynthese. Nur Wasser musste noch über den Verdauungsapparat zugeführt werden. Tatsächlich fühlten sich diese Menschen alleine von Licht und kleinen Mengen Wasser befriedigt. Ihr Hormonhaushalt hatte sich so umgestellt, dass sie einerseits Glücksgefühle empfanden, wenn sie Licht und Kohlendioxid ausgesetzt waren, andererseits aber, sobald die Tagesdosis an Licht errreicht war, die Fotosynthese einstellten. Ihr Längenwachstum war geringer als das konventioneller Menschen. Lag 2140 die durchschnittliche Größe noch bei 1,92m so hatte man sie bis jetzt auf 1,55m senken können. Das war gewollt, denn kleinere Menschen brauchen weniger Platz und Ressourcen. Besonders für die Besatzung der Marsbesiedelungsraumschiffe war dies von entscheidender Bedeutung. Auch die Körpermasse regelte sich wunderbar über die Lichtmenge, so dass viele Fotosynthetiker sehr gut geformte Körper hatten. Ihre Lebenserwartung war etwas gestiegen, im Durchschnitt wurde ein moderner Mensch jetzt fast 100 Jahre alt.

Um Fotosynthese betreiben zu können, musste das Licht natürlich an die Haut kommen. Deshalb trugen die moderenen Menschen tagsüber gewöhnlich Kleidungsstücke, meistens Overalls, aus transparentem Gewebe, bei dem nur kleine Bereiche blickdicht waren. Eine ganz neue Mode war entstanden, bei der es hauptsächlich darum ging, die undurchsichtigen Stellen raffiniert zu platzieren. Abends, wenn die Sonne untergegangen war, hatten die Menschen in der Regel ausreichend Nahrung gebildet. Man zog wieder undurchsichtige, traditionelle Stoffe an.

§§§

Der Helikopter hatte Vlorum und Epras zu ihrem Hotel in Jakarta gebracht. Weil Jakartas tief gelegene Stadtteile vor 200 Jahren im Meer versunken waren, hatte man die Stadt einerseits auf Platformen im Meer neu erstellt und andererseits weit ins Landesinnere, in den Dschungel, hinaus gebaut. Man hatte auf Zuwachs geplant, aber die weiter wachsende Bevölkerung hatte die neuen Siedlungsgebiete schnell überflutet. Fast 20 Millionen Menschen lebten nur in Jakarta, mehr als 2800 pro Quadratkilometer.

Vom Helikopterlandeplatz auf dem Dach des Hotels gelangten Epras und Vlorum per Expresslift zu ihren Zimmern im 43. Stock.

In seinem Zimmer angekommen freute sich Vlorum darauf, endlich duschen zu können. Obwohl sein Overall die Hitze abhielt und die Luft gut zirkulieren ließ, hatte er im Dschungel stark geschwitzt, und er hatte den Reißverschluß vor der Brust weit geöffnet. Nun entledigte er sich komplett aller Kleidung und stellte sich unter das kühle Duschwasser. Während er sich mit einer erfrischenden Duschlotion einrieb, fühlte er etwas Hartes, Kratziges in seinen Schamhaaren. Auch schien es sich zu bewegen. Mit den Fingern puhlte er es heraus und sah gerade noch, dass es ein kleiner schwarzer Käfer war, bevor das Wasser ihn aus seiner Hand und in den Abfluss spülte.

Vlorum freute sich auch darauf, in weniger als einer Stunde mit Epras an der Hotelbar zu sitzen und kohlendioxidhaltige Getränke zu sich zu nehmen. Seine Lichtdosis war für heute mehr als reichlich und reichlich Bewegung hatten sie auch gehabt. Er fühlte sich stark und rundum zufrieden.

Auch Epras im Zimmer nebenan fühlte sich wohl. Die ganze Reise nach Indonesien hatte sie begeistert. Sie war zum ersten Mal hier. Hatte sich während des heutigen Tages sich nicht auch das Verhältnis zu Vlorum verbessert? Bisher war er im Kontakt zu ihr immer ganz der rationale Physiker gewesen. Heute, im Dschungel, hatte er sich tatsächlich manchmal wie ein wissbegieriger kleiner Junge verhalten. Das ließ ihn zugänglicher erscheinen und machte ihn sympathisch. Zudem hatte sein oben offener Overall Epras daran erinnert, dass sie ihn als Mann recht attraktiv fand.

"Es ist im Grunde erstaunlich, dass es hier in den kleinen Dschungelabschnitten noch eine so große Artenvielfalt gibt", sagte Epras und stellte ihren Junglepop Drink auf die Theke zurück. Es war schon ihr zweiter, und das CO 2 in den Bläschen, mehr noch als der wenige Alkohol darin, hatten der Fotosynthese nochmal einen kleinen Anstoß gegeben und sie ein wenig high gemacht.

Vlorum trank Xtrabubble, was nichts anderes war als mit extra viel Kohlensäure versetztes Süßwasser.

"Ja, eine solche Umgebung werden wir wohl sehr vermissen - wir alle beide, wie ich es sehe - wenn wir jahrelang auf dem öden, sternenlosen Planeten verbringen. Und immer dieselben paar Dutzend Menschen um uns herum."

"Unsere Betreuer und das technische Personal werden sie wohl regelmäßig austauschen, sodass wir immer wieder mal neue Menschen treffen. Aber der Biosphärenbereich mit seinen Pflanzen und Tieren kann natürlich niemals ein Ersatz sein für den Dschungel." erwiderte Epras. Sie trug ein leichtes Sommerkleid auf dessen weißen Untergrund große vielfarbige Blüten gedruckt waren. Vlorum hingegen saß in einem alten schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck "Let's go!" und in einer beigen Leinenhose neben ihr.

Es entstand eine kleine Pause, in der Epras ihre Gefühle zusammensuchte.

"Warum hast du dich eigentlich wirklich zu diesem Programm beworben? Nun gut, du bist Wissenschaftler und ich weiß aus unseren gemeinsamen psychologischen Tests ja schon, dass du immer schon auf den Mars wolltest und dir vorstellen kannst, dort für immer zu leben. Aber warum willst du dort ein Kind zeugen und aufziehen?" fragte sie.

"Der Mars ist die letzte Chance der Menschheit, davon bin ich überzeugt. Trotz der Umstellung auf Fotosynthese sind wir zu viele für den Planeten Erde. Praktisch alle geeigneten Siedlungsräume sind schon vom Menschen erschlossen und trotz aller weltweiten Appelle zur Zurückhaltung bei der Vermehrung wächst die Bevölkerung immer noch. Wir brauchen neuen Siedlungsraum und der Mars ist heute die einzige Alternative."

Das war nicht genau das, was Epras hören wollte.

"Aber du willst dort den ersten Marsianer zeugen. Wie wichtig ist dir das?"

"Jemand muss immer anfangen, muss Pionier sein. Wir müssen mit letzter Sicherheit wissen, dass die Zeugung auf dem Mars funktioniert. In zehn Jahren werden viele es uns nachgemacht haben und eine Generation von Marskindern wird existieren. Marskinder, die von Anfang an die Chance haben, sich dem neuen Lebensraum anzupassen und die nicht einer Vergangenheit auf der Erde nachtrauern werden. Unseres wird das erste sein."

Epras wurde ein wenig ungeduldig, denn auch diese Antwort befriedigte sie nicht. "Was würdest du tun, wenn ich nach der Mindestaufenthaltsdauer von 7 Marsjahren, die Option ziehen würde, zur Erde zurück zu kehren und ich unser Kind mitnehmen möchte?"

Schnell war Vlorum mit einer Antwort zur Stelle. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das möchtest. Ich war doch dabei, als du in den Auswahlgesprächen ausdrücklich ausgesagt hast, du könntest dir ein Leben auf dem Mars bis zu deinem Lebensende vorstellen."

"Dinge können sich ändern. Auch Gefühle." Epras merkte, dass ihr das Blut in die Schläfen stieg. Da war sie wieder, Vlorums Unzugänglichkeit. Logik statt Gefühle. Sie ärgerte sich, dass sie diese Diskussion überhaupt begonnen hatte.

Wie wenn er es geahnt hätte, sagte Vlorum "Lass uns besser über etwas anderes reden."

Aber weil er das vorschlug wollte Epras nun gerade das Thema nicht wechseln.

"Du liebst Kinder, hast du im Fragebogen angegeben. Meinst du nicht, dass es für die Aufzucht wichtig ist, dass auch die Eltern sich lieben?"

Vlorum nahm einen extra großen Schluck Xtrabubble und musst davon ein wenig rülpsen. "Das kann sicher nichts schaden," murmelte er.

Epras hatte nun das Gefühl sich zu weit vorgewagt zu haben. Das hatte den Effekt, dass alle Spannung aus ihrem Körper wich und sie sich mit einem Mal müde fühlte. Sie ließ den Kopf hängen.

"Ich gehe schlafen." sagte sie. "Morgen ist ein anstrengender Tag."

Vlorum schaute sie ein wenig verunsichert an. Was hatte er falsch gemacht? Er mochte Epras, ihre Art und ihren Körper und nein, er hatte nicht lügen müssen als er bei der Befragung erklärt hatte, er könne sich gut vorstellen, mit ihr ein Kind zu zeugen. Wollte sie nun Liebe von ihm einklagen? Er war sich nicht sicher, ließ sie wortlos gehen und bestellte noch einen Xtrabubble. Die braunhäutige Bardame stellte ihn vor ihm hin und sagte in verständnisvollem Ton "Manchmal sind Frauen schwierig." Sie war etwa 1,85 groß und recht üppig. Ziemlich sicher noch ein altmodischer Mensch.

Altmodische Menschen hatten es schwer. Auf der Erde gab es fast keinen Platz mehr, um Nahrungsmittel für sie zu erzeugen. Die 11 Milliarden große Erdbevölkerung hatte fast alle Nutzpflanzen und -tiere ausgerottet. Als Nahrung für sie gab es hauptsächlich synthetisch hergestellte Brocken und Breie, die künstliche Proteine, Vitamine und Mineralstoffe enthielten. Das Standardgetränk war fades und leicht salzig schmeckendes aufbereitetes Meerwasser. Auch die Dinge des Alltags waren meistens schwer zu bekommen. So gab es kaum noch traditionelle Kleidung für die Größe des altmodischen Menschen und selbst Betten in ihrer Größe existieren kaum noch in den Hotels. Und die Weltregierung tat kaum etwas, um ihnen das Leben zu erleichtern. Es sollte klar werden, dass ihre Zeit abgelaufen war und dass sie sich nicht mehr vermehren sollten. Man machte ihre Nahrungsmittel teuer und schwer zugänglich, dafür gab es Verhütungsmittel in jeder Form umsonst.

Auf Fotosynthetiker hingegen hatte man sich überall eingestellt. Es gab Lichttankstellen und Wasserspender und spezielle Räume, in denen der Kohlendioxidanteil in der Luft erhöht war, damit die Fotosynthese noch effektiver funktionierte. Das war wichtig für das Klima, denn einerseits wurde so der Atmosphäre CO2 entzogen und andererseits musste die menschliche Fotosynthese, die zum großen Teil verlorengegangene Sauerstoffproduktion der Pflanzen ersetzen. Besonders wichtig war auch, dass die Fotosynthetiker mit Salzwasser auskamen, denn die natürlichen Süßwasservorräte auf der Erde waren praktisch erschöpft.

Eine Stunde später sah Vlorum sich im Spiegel des Lifts, der ihn zu seiner Etage brachte. Er sah gut aus, dachte er, und er stellte sich vor, mir Epras Sex zu haben. Zweimal hatten sie es bereits getan, und jedes Mal war es gut gewesen. Die Missionsleitung sah häufigen Sex zwischen ihnen nicht gerne, denn trotz der spendierten supersicheren Kondome konnte mal etwas schiefgehen und eine Befruchtung noch auf der Erde erfolgen. Aber, bitteschön, mussten sie nicht ein wenig üben, ehe es dann auf dem Mars zur Sache ging?

Vlorum verließ den Lift und ging in Richtung der Zimmer. Vor Epras' Tür blieb er stehen und verharrte einen Moment. Dann klopfte er, erst vorsichtig, dann etwas lauter.

"Epras, ich bin's."

"Was gibt's?", meldete sich eine müde Stimme.

"Lass mich rein."

"Warum jetzt."

"Ich glaube, wir sollten reden."

Sie öffnete, bekleidet mit einem kurzen Nachthemd mit Dschungelblumenmuster.

§§§

"Sie können den Isolierbereich wieder verlassen und sich auf dem Schiff frei bewegen. Achten Sie aber bitte verstärkt auf die Hygienevorschriften. Waschen Sie sich bitte häufig gründlich die Hände. Öffnen Sie bitte auf keinen Fall selbständig den Isolierverband. Ich werde das täglich für Sie tun sodass wir die Entwicklung im Blick haben.."

Epras und Vlorum hatten fünf Tage im engen Quarantänebereich verbracht. Sie waren froh, wieder 'frei' zu sein. Obwohl sie soviel Zeit zusammen verbracht hatten, hatten sie nicht viel geredet, zumindest nicht über private Dinge. Sie lasen viel an ihren Lesetablets, neueste Informationen über den Mars, die sie noch nicht kannten, aber auch Romane und Gedichte.

Natürlich spekulierten sie auch über die Ursache der Infektion. Fest stand, dass irgend ein Organismus in sie eingedrungen war. Man hatte auf einen unbekannten Pilz getippt, aber kein Fungizid hatte angeschlagen.

Nach der letzten Vermutung des Bordarztes und der Ärzte, die man inzwischen auf der Erde konsultiert hatte, sollte der Befall von einem pflanzlicher Organismus stammen, wahrscheinlich von einer parasitischen Pflanze. Die letzte Untersuchung der Haut hatte gezeigt, dass sich in einem fünfzehn Zentimeter großen Hautareal feine haustorienartige Strukturen gebildet hatten. Dieses Geflecht von pflanzlichen Gewebefäden war bereits in die Haut eingedrungen, wie tief, das sollte eine Biopsie klären. Wären es tatsächlich Haustorien, so wäre dies der erste Befall eines Menschen durch einen pflanzlichen Parasiten und stellte die erste Überschreitung der Artengrenze durch Pflanzen dar.

Bald ging es Vlorum und Epras deutlich besser als in den ersten Tagen der Infektion. Ihr Immunsystem rebellierte kaum noch, ihr Körper schien sich bereits mit dem Eindringling arrangiert zu haben. Auch psychisch waren die beiden wieder in einem vergleichsweise guten Zustand. Dass der Erreger ihre inneren Organe befallen könne und ihre Mission zum Scheitern bringen könnte, war ihnen bewusst, schien sie aber nicht zu stören. Epras hatte manchmal sogar das verstörende Gefühl als empfinde sie Stolz auf den braunvioletten Fleck an ihrem Unterbauch. Der war inzwischen auf zwanzig Zentimeter Durchmesser angewachsen, war nun leicht erhaben, aber nicht mehr schleimig. Dieselben Veränderungen hatte es bei Vlorum gegeben.

Der Arzt des Raumschiffes hatte entschieden, dass die Ausschläge höchstens beim direkten Kontakt ansteckend seien und sie deshalb mit einem isolierenden Verband abgedichtet.

§§§

Auf dem Weg zum Mars war die Halbzeit erreicht, das heißt es blieben noch vier Monate bis zur Landung am HUMANHAB, dem Menschenhabitat, das man vor rund fünfzig Jahren begonnen hatte zu errichten. Im Habitat wartete eine Mannschaft von fünfzig Personen auf sie, fünfundzwanzig Männer, und fünfundzwanzig Frauen, bis auf einen der Ärzte und eine Forscherin allesamt Fotosynthetiker. Wegen des Kohlendioxids, das sie verbrauchen und des Sauerstoffs, den sie produzierten, waren sie wichtig für das Marshabitat. Zwar hatte man für die Sauerstoffproduktion auch Pflanzen von der Erde unter den riesigen Glocken angesiedelt und gab Sauerstoff aus Tanks unter dem Marsboden hinzu, aber der menschenproduzierte Sauerstoff war eine feste eingerechnete Größe. So konnte man bei den Sauerstofftransporten sparen und mehr von der kohlendioxidreichen Marsatmosphäre nutzen.

Der Flug verlief reibungslos, natürlich bis auf den Teil der Mission, der Vlorum und Epras betraf. Sollten von ihrer Krankheit die Keimdrüsen geschädigt werden, dann schien dieses Experiment gescheitert.

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"Bei der Biopsie konnten wir feststellen, dass die Gewebefäden und -knoten, die wir beobachtet hatten, eindeutig Haustorien darstellen. Es sieht in der Tat so aus, als ob sich am Unterbauch von Epras und Vlorum eine parasitische Pflanze angesiedelt hätte. Die Genanalyse und der Abgleich mit der Gendatenbank läuft noch auf unseren Computern. Klar ist aber jetzt schon, dass es für diesen Fall noch kein spezifisches Antiparasitikum gibt. Ein Pflanzenparasit auf einem Menschen ist neu.

Natürlich ist eine operative Entfernung der befallenen Stellen denkbar. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre das Problem damit allerdings nicht gelöst, weil die Haustorien sich schon weit verzweigt haben und sich vor allem auch schon an Blut- und Nervengefäße gebunden haben.

Wie es aussieht, fügt die Pflanze Epras und Vlorum keinen Schaden mehr zu. Fieber und Schwäche sind nicht mehr feststellbar und unsere Patienten sagen, sie fühlen sich wieder gesund. Wir haben ihnen den Isolierverband abgenommen."

§§§

"Du scheinst dir sicher zu sein, dass uns die Pflanze nicht schadet, auch wenn sie immer weiter in unseren Körper eindringt."

"Ich spüre das, Vlorum. Die Pflanze ist ein Teil von uns, und sie hat uns verändert. Fühlst du das nicht auch?"

§§§

"Wir haben einen Treffer in unserer Pflanzengendatenbank. Die Pflanze, von der Epras und Vlorum befallen wurden, ist Rafflesia Arnoldii, ein Vollparasit, der, wie es aussieht, sich nun auch den modernen Menschen zum Wirt erkoren hat. Rafflesia braucht einen gleichmäßig warmen und feuchten Standort, den hat sie hier wohl gefunden, und mit dem Fotosynthese-Stoffwechsel des Menschen scheint sie hervorragend zurechtzukommen. Es ist zu vermuten, dass ihre Haustorien inzwischen viele Zentimeter tief in die Körper eingedrungen sind. Rafflesia Arnoldii bildet keine Stängel oder Blätter aus, sondern nur eine Blüte, die aber kann bis zu einem Meter im Durchmesser werden.

Aber nun zu unsere Patienten. Sie sind wohlauf. Sie scheinen vom Parasitenbefall nicht mehr beeinträchtigt. Allerdings haben wir eine Veränderung im Bereich der Eintrittsstelle beobachtet. Dort haben sich circa drei Millimeter große knospenähnliche Erhebungen gebildet. Es sieht aus, als ob Rafflesia sich bei ihnen so wohlfühlt, dass sie tatsächlich auch knospen möchte."

§§§

Epras und Vlorum benutzten in dieser Weltraumnacht die Doppelkoje, nicht weil einer von ihnen Lust auf Sex gehabt hätte, sondern weil sie beieinander sein wollten. Nie war das Verbundenheitsgefühl auf beiden Seiten größer gewesen.

"Ist es bei dir auch so, dass von deinem Fleck am Unterleib eine wohltuende Wärme aufzuströmen scheint?, fragte Epras.

"Ja," erwiderte Vlorum, "es ist seltsam, und es ist auch ein Glücksgefühl, das damit hochfließt."

"Ob es etwas mit dem Parasitenbefall zu tun hat?

"Das mag sein. Aber ganz egal, es fühlt sich gut an."

"Ich habe das Gefühl, dass es einfach so sein soll."

Vlorum rollte hinüber zu Epras und nahm sie in beide Arme. Und sie kuschelte sich an ihn.

§§§ Vier Monate später

Vlorum und Epras saßen festgeschnallt für den Landeanflug in die Arcadia Planitia. Die gut dreißig Zentimeter breite und zwanzig Zentimeter hohe Stelle unter ihren Bäuchen war von den Gurten ausgespart. Sie flogen bereits durch die rötliche Staubwolke, die den Mars ständig umgibt und konnten so nicht sehen, wie sie dem Boden näher kamen, bis die grellen Lichter des HUMANHAB im Fenster erschienen. Die Landung verlief problemlos, der erfahrene Kapitän hatte sie bereits zum dritten Mal ausgeführt. Automatisch dockte der große ausfahrbare Korridor des Habitats an das Raumschiff an, durch den die Besatzung das Raumschiff verließ.

Die Habitatsbewohner begrüßten die Neuankömmlinge freundlich, besonders herzlich Epras und Vlorum, obwohl bei manchen ein Feixen dabei zu sein schien.

Für Epras und Vlorum hatte man eine Art Séparée im Habitat eingerichtet das einer Hütte aus Brettern glich. Es hatte eine Tür und ein Fenster und an der Hinterseite eine private Dusche. Die Innenwände waren zur Hälfte mit einem samtartigen Stoff bezogen. Die Beleuchtung war dimmbar und auf verschiedene Farben einstellbar. Aus vier Lautsprechern konnte man Musik hören. Auf einem Tisch in der Sitzecke stand ein bunter Blumenstrauß und im Zentrum das Raumes befand sich ein breites Doppelbett. Außerhalb der Hütte gab es allerdings auch Einzelschlafkojen für die beiden.

§§§

"Unser Zeugungsexperiment verläuft, wie Sie sicher alle bereits gehört haben, anders als geplant. Beide Versuchspersonen sagen, sie haben keine Lust auf Sex und verhalten sich auch entsprechend. Beide sind vor allem darauf bedacht, die Rafflesiaknospen an ihrem Unterleib zu schützen.

Die Haustorien der Pflanze haben sich inzwischen schnell weiter verbreitet und sind bei beiden in etliche Blutgefäße hinein gewachsen. Es scheint das Befinden der Versuchspersonen allerdings nicht negativ zu beeinflussen.

Die Knospen haben eine Größe von etwa dreißig Zentimeter im Durchmesser erreicht. Wie lange sie weiter wachsen und wie groß sie werden, können wir nicht voraussagen. Auch die Art der Blüte, die sie hervorbringen, ist noch ein Geheimnis. Rafflesia ist dafür bekannt, dass sie Gene von ihrem Wirt stiehlt und ins eigene Genom einbaut. Es könnten also interessante Mutationen hervorgebracht werden. - Wir haben ein neues Experiment."

§§§

Einen Monat waren sie nun auf ihrem neuen Heimatplaneten. Ein typischer Sol, wie man den Marstag nennt, war für Epras und Vlorum wenig ereignisreich. Nach der morgendlichen Untersuchung durch einen der drei Ärzte folgte das obligatorische Fitnessprogramm. Beide verbrachten wiederum viel Zeit mit Lesen. Vlorum hörte außerdem viel Musik, gelegentlich auch ganz alte aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Auf dem Musikspeichermedium des Habitats waren mehrere Millionen Titel gespeichert.

Einige Male nahmen die Geologen sie auf einen Ausflug mit dem geschlossenen Teil des Marsrovers mit. Dabei blieben sie allerdings wegen der künstlichen Atmosphäre und den Luftdruckbedingungen immer im Fahrzeug. Um auszusteigen hätten sie Atemgeräte und enge Druckanzüge anziehen müssen, die sicherlich ihre Knospen beschädigt hätten.

In unregelmäßigen Abständen schauten sich Vlorum und Epras auf dem großen Bildschirm im Aufenthaltsraum Nachrichten von der Erde an. Sie konnten feststellen, dass ihre Marsmission mit dem Zeugungsexperiment schnell aus den Schlagzeilen verschwunden war. Dieses nachlassende Interesse war ihnen sehr recht, denn es nahm ein wenig Druck von ihnen.

Sonst erfuhren sie selten etwas Gutes von der Erde. Die klimabedingten Katastrophen waren Alltag und die Verteilungskämpfe unter den Menschen hatten weiterhin zugenommen. Immer größere Bevölkerungsgruppen schlossen sich zusammen, um andere wegen Land und Wasser zu bekriegen. Quer durch die Weltbevölkerung verlief das Feindbild "altmodischer Mensch", denn die Weltregierung beschützte immer noch Landwirtschaftsflächen für deren Ernährung, Flächen, die nach der Meinung der meisten Fotosynthetiker dringend für den Bau neuer Siedlungen benötigt wurden.

Durch Korruption und gewaltsame Überfälle war es großen Gruppen gelungen, in den Besitz von modernen Waffen zu kommen. Die bereits ausgestorben geglaubten Religionen erlebten eine Renaissance. Sie dienten den Gruppenanführern und ihrem Gefolge dazu, das Töten einer anderen, falsch- oder ungläubigen Gruppe zu rechtfertigen. Man hatte sich an Millionen Tote bei solchen Auseinandersetzungen gewöhnt. Diese Verluste waren aber nicht einmal eine minimale Entlastung für den menschlichen Bevölkerungsdruck, denn die religiösen und verzweifelten Menschen waren nur umso mehr darauf bedacht, ihren Anführern Kinder für den Kampf gegen die jeweils anderen zu schenken. Die Weltregierung rüstete auf und sandte jährlich immer mehr Truppen in die Kriegsgebiete, aber die Menschen ließen sich nicht befrieden. Die Lage war weiterhin hoffnungslos, wie Epras und Vlorum angesichts der Erdnachrichten erkennen mussten. Und so hatte es sein gutes, damit erst einmal nichts mehr zu tun zu haben - einerseits.

§§§

Epras und Vlorum mussten über ihre Tätigkeiten ein Logbuch führen. Epras schriebe gerne. Sie verbrachte einige Zeit damit eine Kurzgeschichte zu schreiben, in der ein mutiger junger Mann mit dem Marsrover den Mars erkundet und auf unbekannte Lebensformen trifft. Auch Vlorum versuchte sich im Schreiben. Er schrieb folgendes Gedicht:

Heimatplanet?

Wo ein Winter fast zwei Erdenwinter dauert
und selbst im Sommer Frost alles umfängt,
wo wir die Luft nicht atmen können,
der Luftdruck unser Blut zum Sieden bringt.

Sechshundertachtundsechzig Tage sind ein Jahr,
die Zeit zieht langsam nur an uns vorbei.
Doch worauf warten wir, wenn wir
am Morgen treten in den Tag?

Mars, der du uns nur wenig schützt
vor Weltraumstrahlung und vor Sternenstaub.
Mars, du erlaubst uns große Sprünge,
denn du ziehst uns nur wenig an.

Mars, wie kannst du Heimat sein
für uns und alle die uns folgen?

Auf diesem sternenlosen Planeten
sind wir eine noch ungeborene Welt.

Vlorum hatte sich definitiv verändert. Er war fürsorglich geworden. Wenn sich die Gelegenheit dazu ergab, fasste er Epras an den Schultern und strich ihr durchs Haar und oft küsste er sie dann zärtlich.

"Wir beide haben etwas, was sonst niemand hat." sagte er. "Wir haben uns und unsere Rafflesiaknospen, das sind unsere Babys."

§§§

Zu den morgendlichen Routineuntersuchungen von Vlorum und Epras gehörte der Ultraschall ihrer Rafflesiaknospe. Vor einer Woche hatte man zum ersten Mal kleine, nicht genau darstellbare Veränderungen im Zentrum festgestellt. Jetzt konnte man, nur wenige Millimeter groß, eine Art Bohne erkennen. So etwas war bei Rafflesia unbekannt. Das neue Experiment schien immer aufregender zu werden.

§§§

An ihrem 59. Marstag wachte Epras neben Vlorum auf. Es war noch früh, aber durch das Fenster ihrer Hütte drang schon das typische fahle violette Licht des Marsmorgens. Irgendetwas war anders, irgendetwas war in der Nacht mit ihrem Körper geschehen. Epras fasste mit beiden Händen an ihren Unterleib. Von außen schien alles unverändert. Aber von innen fühlte es sich hier anders an. Sie richtete sich im Bett auf, zog ihr Nachthemd hoch und schaute nach. Da war die Knospe, fast 40cm im Durchmesser. Sie war geschlossen wie zuvor. Sahen die Blätter an den Spitzen ein wenig welker aus als gestern? Sie konnte es nicht sagen. Sie legte sich wieder hin und versuchte sich zu entspannen.

Zwei Stunden später bei der Morgenuntersuchung durch einen der Habitatsärzte wusste Epras nicht, ob sie den Vorfall, der sie vermutlich geweckt hatte, ansprechen sollte. Da bei der Untersuchung nichts besonderes festgestellt wurde, entschied sie sich dagegen. Auch Vlorum erzählte sie nichts davon.

Der Tag erschien Epras anstrengender als gewöhnlich. In ihren Gliedern hatte sich eine seltsame Schwere breit gemacht. In ihrer Brust stieg eine besondere Art von Trauer auf.

"Es geht dir nicht gut, das merke ich." sagte Vlorum, als sie ihren üblichen Spaziergang durchs Habitat machten.

"Schon OK." Epras schaut auf den Boden vor ihr und spürte, dass es nicht so war.

Epras hatte eine unruhige Nacht. Sie träumte von der Erde, die sie von oben als blauen Planeten sah, und stellte fest, wie dieser fast unmerklich ins Schlingern geriet. Plötzlich brachen krachend Fontänen aus Gestein und Lava aus ihr hervor, ja die ganze Erde schien sich aufzulösen und sich in Form von Tausenden von Brocken und Schlacken im All zu verteilen. Sie wusste, alle Menschen würden tot sein, niemanden, den sie kannte, würde sie je wiedersehen. Sie wachte auf, schweißgebadet, und ihr wurde bewusst, dass es vielleicht tatsächlich kein Wiedersehen mit den liebgewordenen Menschen auf der Erde gab. Warum war sie eigentlich noch hier? Ein Kind wollten sie und Vlorum nicht mehr zeugen, das war beiden klar, und niemand konnte sie dazu zwingen. Das Experiment war gescheitert. Stattdessen hatten sie beide Rafflesiaknospen hervorgebracht. Das war das neue Experiment. Alle waren gespannt, wie es sich entwickeln würden. Aber für Epras war das Experiment selbst kein Grund zum Bleiben.

Epras fühlte sich weiterhin nicht gut, vor allem wollte die lähmende Trauer nicht weichen. Tage später stellte der Arzt bei der Morgenuntersuchung fest, dass ihre Knospe nicht mehr ganz so prall war wie zuvor. Ein wenig schien sie eingefallen zu sein, die umhüllenden Blätter vielleicht sogar ein wenig welk. Das war etwas, was man auf jeden Fall genauer beobachten wollte. Und dieser Befund passte zu Epras Stimmung, sie fühlte schon länger, dass sie etwas verlieren würde.

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Drei Tage später war es klar: mit Epras Rafflesiaknospe ging es zu Ende. Sie war weich geworden und oben eingedrückt. Außerdem ging, aus der Nähe wahrnehmbar, ein leichter Verwesungsgeruch von ihr aus.

Vlorum tröstete Epras, und Epras brauchte Trost. Nachts lag sie in seinen Armen, und obwohl ihn der Geruch leicht störte empfand er seine Seelenverwandtschaft mit Epras nun umso stärker. "Wir haben ja noch mein Baby, das wir hier zur Welt bringen können." sagte er.

Auch der Psychiater und Psychotherapeut des Habitats war inzwischen eingeschaltet worden. Er war ein freundlicher Mann von etwa 70 Jahren und einer der beiden altmodischen Menschen der Station. Epras vertraute ihm schnell, und dem Arzt wurde wieder einmal ersichtlich, dass grundlegende Dinge bei den modernen Menschen sich nicht verändert hatten. Verlust und enttäuschte Hoffnung konnten eine Krise auslösen. Und es würde auch hier die wichtigste Regung des Menschen, nämlich die Liebe, dasjenige sein, das Epras helfen konnte. Der Arzt erinnerte Epras an alles, was sie jemals geliebt hatte, und machte ihr bewusst, dass sie in Vlorum einen liebenden Partner hatte.

§§§

Während Epras' Rafflesiaknospe zusehends verfiel wurde Vlorums Knospe immer praller. Die Ärzte untersuchten sie jeden Tag und konnten im Ultraschall beobachten, wie aus der kleinen Bohne ein kleiner Embryo wurde. Es waren bereits Kopf und Glieder erkennbar und eine Art Nabelschnur, die in den Knospenboden reichte. Im Habitat und auf der Erde, wohin täglich von der Knospe berichtet wurde, war man fasziniert. Man fühlte sich Zeuge einer Sensation.

§§§

Es dauerte mehrere Wochen, bis Epras sich vollständig erholt hatte. Immer wieder hatte sie in dieser Zeit das Verlangen, zur Erde zurück zu kehren, aber es gab keine Marsfähre in dieser Zeit. Schließlich war es aber Vlorum, der sie hielt und an dem sie sich festhalten konnte. Oft und lange saßen sie in ihrer Hütte und sprachen über ihr Leben auf der Erde aber auch darüber, was für ein Leben man auf dem Mars aufbauen könnte. Beide gaben sie sich dabei Mühe, optimistisch zu sein. Zusammen entwickelten sie so eine ungeahnte Kraft, mit der alle Hindernisse überwindbar schienen.

Wochen vergingen. Vlorums Knospe wuchs nicht mehr, aber im Inneren gab es weitere Entwicklungen. Aus dem winzigen Embryo war ein kleiner Fötus geworden. Im Ultraschall waren seine Bewegungen sichtbar.

Wiederum einige Wochen später kam die Stunde, auf die jeder im Habitat und scheinbar die ganze Erde mit großer Aufregung gewartet hatte. An einem Marsfrühlingstag im Erdenjahr 2345 öffnete sich die Knospe unter Vlorums Bauch, genau beobachtet von drei Kameras, die Bild und Ton auf die Erde übertrugen. Es dauerte fast zwei Stunden bis die Knospe den Blick auf den Blütenboden freigab. Dort lag zusammengekrümmt ein etwa fünfunzwanzig Zentimeter großes Wesen und bewegte sich zuckend. Seine Haut war rosa-fleischfarben und mit kleinen länglichen weißen Punkten besetzt. Es gab leise, langgezogene Laute wie die eines Kätzchens von sich und bewegte dabei seine Ärmchen und Beinchen. Von der nabelschnurähnlichen Verbindung zur Blüte hatte es sich selbst befreit. Epras stand während dieses Vorgangs direkt neben Vlorum, der auf einer Liege lag und hielt immer wieder seine Hand. Als sie dann sah, wie das Wesen ihr seine Ärmchen entgegen reckte hob sie es, ohne auf etwaige Anweisungen der ringsum stehenden Ärzte zu achten, aus dem Blütenkorb. Es war leicht, wog vielleicht 500g, aber es war ein voll ausgebildetes Menschenbaby, und es war ein Mädchen. Lediglich die Haut schien es von Rafflesia zu haben. Dem Instinkt folgend hob Epras es an die Brust und wärmte es in den Armen, in denen es völlig verschwand.

§§§ Epilog §§§

Ein verhaltener, staunender Jubel war ausgebrochen, nachdem Epras die erste Marsbürgerin an die Brust gedrückt hatte. Vlorum war noch während des Jubels aufgestanden und hatte beide umarmt. Und da wurde es fast ehrfürchtig still. Der erste auf dem Mars geborene Mensch war ein winziges Mädchen mit einer gepunkteten rosafarbenen Haut.

Schnell wurden Tücher aus atmungsaktivem und wärmendem Stoff herbeigeschafft in die man das Baby wickelte. Es war so klein, dass man unter den Tüchern den Kopf kaum sehen konnte. Epras und Vlorum trugen es weg in ihre Hütte, weil sie mit ihm allein sein wollten. Die Ärzte und die anderen Habitatsbewohner respektierten das.

Epras fragte sich, ob das Baby ein altmodisches war und jetzt Hunger hatte. Sie hätte ihm nichts zu bieten gehabt. Aber das Baby schien zufrieden zu sein, wenn man es dem Licht aussetzte. Vlorum schaltete das Licht in der Hütte ein und drehte den Dimmer auf. Das Baby wurde ruhiger, es schien gar zu lächeln. In dem großen Bett lag es auf dem Rücken und bewegte seine Gliedmaßen nun gleichmäßiger. Vlorum streichelte es mit einem Finger vorsichtig am Bauch und glaubte daraufhin einen kleinen glucksenden Laut zu hören. Epras holte ein wenig Süßwasser und benetzte den Mund der Kleinen.

Ein Kinderbett, viel zu groß für das Baby, wurde hereingebracht. Vlorum und Epras aber legten sich auf ihr Doppelbett rechts und links ihres Kindes. "Es ist schön", sagte Vlorum, "aber es sieht so zerbrechlich aus - wird es überleben?" "Davon bin ich überzeugt - solange wir bei ihm bleiben. Es braucht Licht, es braucht Wasser, aber vor allem braucht es Liebe."

Vlorum und Epras tauften ihr Baby Fyta, von griechisch Fyto, die Pflanze. Es blieb gesund und wuchs schnell heran. Nach einem Erdenjahr hatte es bereits sechzig Zentimeter erreicht. Aus den Kätzchenlauten waren menschliche geworden. Wie ein normales Menschenkind konnte es nun mit Lauten und Gebärden seine Wünsche und Bedürfnisse ausdrücken. Vlorum und Epras waren glücklich, das triste Marsdasein konnte ihnen in diesen Momenten nichts anhaben. Dennoch sprachen sie immer wieder davon, zur Erde zurückzukehren und natürlich Fyta mitzunehmen. Laut Vertrag mit der Marsbesiedelungsorganisation mussten sie noch fast sechs Marsjahre, das heißt rund elf Erdenjahre auf dem Planeten ausharren. Viel zu lange, wie sie beide meinten.

Mars, das war selbst Vlorum klar geworden, war kein Ort an dem Menschen dauerhaft leben konnten. Umso wichtiger erschien es beiden, etwas dafür zu tun, die Erde zu erhalten und dafür zu sorgen, dass sie für alle wieder ein lebenswerter Ort würde. Zurück auf der Erde wollten sie ihre Prominenz dafür einsetzen, dass die Weltregierung nun endlich wirtschaftliche und Machtinteressen hintenanstellt, aus ihren Lippenbekenntnissen Ernst macht und eine strikte Geburtenkontrolle in allen Regionen durchsetzt. In einem zweiten Schritt sollten dann viele vom Menschen besiedelten Gebiete wieder der Natur überlassen werden. Auch altmodische Menschen sollten auf dem blauen Planeten wieder willkommen sein, sie aber müssten, wie die anderen, ihre Anzahl von Generation zu Generation verringern. So sollten Fytas Nachfahren wieder genügend Platz und natürliche Ressourcen auf der Erde vorfinden und erkennen können, wie schön dieser Planet sein kann.

Als Fyta ein Marsjahr alt war, beschlossen Epras und Vlorum mit dem nächsten Versorgungsschiff nach Hause zu fliegen. Der Psychiater des Habitats, der selbst mit dieser Fähre zurückfliegen würde, half ihnen, indem er ein Gutachten ausstellte, das die Dringlichkeit einer Rückkehr deutlich machte. Die Marsbesiedlungsorganisation entließ Vlorum und Epras aus dem Vertrag und gestattete die Rückkehr zur Erde.