Als die Jünger älter wurden

Gebrauchsanleitung und Warnhinweise

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Dieses Produkt ist eine Satire. Als solche enthält es Mehrdeutigkeiten, Über- und Untertreibungen, Zuspitzungen, Parodie, Ironie, Groteske, Komik und Spott. Bei andersartiger Verwendung, z.B. als reine Erzählung, wissenschaftliche Abhandlung oder Bericht, erlischt die Herstellergarantie für vergnügliche und anregende Lektüre. Beachten Sie bitte auch, dass Sie für den vollen Genuss ein gerüttelt Maß (Lukas 6, 38) an Unvoreingenommenheit und einen fortgeschrittenen Sinn für Humor benötigen. Dies voraussetzend wünschen wir Ihnen nun ein ungetrübtes Lesevergnügen.

 

Wie jeder richtige jüdische Prophet hatte Jesus Jünger, siebzig an der Zahl, nicht mitgezählt die vielen Frauen, die ebenfalls Jesus folgten ohne großes Aufhebens davon zu machen. Allesamt waren sie glühende Verehrer*innen ihres Idols und ihm treu ergeben. Sie taten, was Jesus ihnen befahl, ja sogar manches auch in vorauseilendem Gehorsam. Sie fanden heraus, was Jesus vorhatte, und überall wo er in der Öffentlichkeit auftauchte, scharten sie sich um ihn. Ihr Hauptanliegen war es, wie es einer von ihnen später formulierte, "den Menschensohn in seiner ganzen Herrlichkeit sichtbar zu machen", also, Jesus ins rechte Licht zu rücken. Damit waren sie unverzichtbar für sein Renommee.

Aber sie waren auch enorm praktisch für ihn.

Bei Jesus-Veranstaltungen leisteten sie Ordnerdienste und feuerten Jesus an. Und selbstverständlich assistierten sie ihm bei seinen Wundern. Sie organisierten den Auftritt mit Überraschungspicknick am See Genezareth und standen am Weg und jubelten und schwenkten Palmwedel als Jesus auf einem Jungesel nach Jerusalem einritt. Sie inszenierten Jesus' cholerischem Anfall im Tempel und halfen mit, Tische von Händlern umzuwerfen und Händler zu verprügeln. All das machte ihnen einen Heidenspaß, oder sollte man besser sagen Christenspaß?

Mit der Zeit wurde es Jesus mit diesem großen Haufen, der in seiner Begeisterung immer schwerer zu kontrollieren war, jedoch ein wenig zu bunt. Da beschloss er, sich einen elitäreren Zirkel zu schaffen, zu dem er jeden persönlich ernannte. Er wählte zwölf Jünger aus und nannte sie von nun an Apostel. Die durch diesen Akt weltberühmt gewordenen Herren hießen - man nannte sich beim Vornamen - Andreas, Bartholomäus, Jacobus der Ältere, Jacobus der Jüngere, Johannes, Judas, Matthäus, Philippus, Simon und Simon, Thaddäus und Thomas.

Ob es tatsächlich genau diese zwölf waren, weiß niemand. Auch wurde Jahrzehnte später noch ein Apostel vom jenseitigen Jesus berufen. Dazu wurde dieser zunächst blind gemacht, dann wieder sehend und schließlich von Saulus zu Paulus umgetauft. Als ob dem noch nicht genug wäre, erklärte später die Kirche der Einfachheit halber auch gleich alle Bibelautoren zu Aposteln und ernannte eine Frau zur Apostela Apostularum, nämlich Maria-Magdalena.

Der Begriff 'Apostel' erlebte über die Zeit also eine kleine Inflation. Den jüdischen Autoren von Jesusgeschichten war es jedoch sehr wichtig, dass es immer zwölf waren - keiner mehr und keiner weniger. In Vorzeiten bestand das Volk Israel nämlich aus zwölf Stämmen - zu Jesus' Zeit waren es nur noch zwei, das aber wollte man nicht wahrhaben. Außerdem war 'zwölf' eine magische Zahl in der jüdischen Numerologie.

Aber auch ein Zwölferhaufen machte Jesus nicht immer nur Freude. Es gab viel Gezanke, vor allem darüber, wen Jesus wohl am meisten liebe, wer rechts und wer links von ihm sitzen dürfe oder sogar auf seinem Schoß. Aber es gab da einen anderen Jünger, "den Jesus liebte", und der keiner der Zwölf war. Er soll jung gewesen sein. Wie jung und wie sich Jesus' Liebe äußerte, ist nicht überliefert.

Drei Jahre zog Jesus mit seinen Jüngern durchs Land, nannte sich Lehrer, Meister, Messias, Retter der Welt, Sohn Gottes, und verkündete, prophezeite und predigte. Die Jünger schluckten alles, auch das sogenannte 'Unfassbare seiner Verkündigung'. Und Jesus predigte viel, einerseits um sich selbst zu verherrlichen, andererseits aber auch zu lebenspraktischen Fragen und zur Auslegung des sogenannten Alten Testaments, was letztendlich auch wieder seiner Verherrlichung diente, da er alles auf sich bezogen umdeutete. Er und sein Zwölferbund lebten immer eng zusammen.

In allen Jesusgeschichten blieben die Apostel, unsere Hauptfiguren, jedoch eine Art Staffage für den Helden. Selbst nach dem Tod Jesus' kamen sie bei den Autoren nicht recht zum Zuge. Stattdessen rückten nun die Jesusverehrerinnen ins Licht. Sie suchten ihn im Grab und sie hatten als erste die Erscheinung des sogenannten verklärten Jesus. Erst danach tauchte der verklärte Jesus für vierzig Tage unter den Jüngern wieder auf. Und es dauerte 49 Tage bis den kopflosen Aposteln endlich gesagt wurde, was sie tun sollten. Jesus' leiblicher Vater, der Heilige Geist, stieg herab und fuhr in sie, um ihnen zu verkünden: "Geht hinaus in die Welt!", worauf alle Anwesenden begannen, wirr durcheinander zu reden. (Man nannte das 'in Zungen reden'.)

In die Welt gingen tatsächlich viele der Apostel. Fast alle sind dabei ziemlich zeitig und ziemlich spektakulär ums Leben gekommen. Ein paar Beispiele:

Simon starb in Rom mit dem Kopf nach unten an einem X-förmigen Kreuz hängend oder wurde in zwei Hälften zersägt. Johannes wurde in Rom in siedendem Öl gekocht, überlebte es aber und starb später friedlich in der Türkei. Jacobus der Jüngere wurde in Jerusalem von einer Tempelzinne 30 Meter nach unten geworfen und überlebte, wurde aber daraufhin mit einer Tuchwalkerstange erschlagen. Bartholomäus wurde in Armenien oder Indien gepeitscht und enthäutet und kopfunter an ein X-förmiges Kreuz gebunden. Matthäus wurde zuerst gesteinigt und dann enthauptet.

Alle Jünger starben wegen ihres Glaubens oder, aus ihrer Sicht, für ihren Glauben. Sie taten das, obwohl es den Begriff bzw. die Auszeichnung 'Märtyrer' noch gar nicht gab. Was sie so fest glaubten war, dass Jesus der König der Juden gewesen sei, dass er das einzige Kind Gottes sei, und dass er zusammen mit seinem Ziehvater, Gottvater, und dem Heiligen Geist im Himmel sitze.

Jesus, übrigens, hieß seit seinem Tod bei den Jüngern nicht mehr Jesus, sondern Christus, das heißt 'der Gesalbte', und seine Anhänger nannten sich Christen, die Gesalbten. Diese Gesalbten waren von ihrem Volk, den Juden, und später auch von den Römern nicht gern gesehen, weil sie die Herrscherfrage stellten. Sie sahen nämlich Christus in der Nachfolge des gesalbten jüdischen Königs David. Ihm wollten sie dienen, und nicht etwa irgendeinem ungesalbten römischen Kaiser. Aber nicht nur im eigenen Land waren sie unbeliebt, sondern auch in ihren späteren Missionsorten. Dort verbreiteten sie ihre Ansichten meist hitzig und offensiv, ja bisweilen geradezu selbstmörderisch, was, wie wir schon wissen, zu ihren frühen Toden führte.

Nicht anders aber hatte Jesus das in seinem Vermächtnis gewollt. Er forderte absolute Treue und Unterwürfigkeit bis in den Tod, außerdem Spaltung der Menschen und Überzeugungsarbeit mit dem Schwert. In seiner sogenannten Aussendungsrede predigte er seinen Jüngern:

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. (Matthäus 10, 34-39)

Diese Zeilen stammen aus der Jesusgeschichtensammlung eines unbekannten Autors - nicht vom Jesusapostel Matthäus, wie man zunächst meinte. Auch dem Apostel Johannes traute man übrigens zu, Jesusgeschichten geschrieben zu haben. Stattdessen war hier aber ein Autor am Werk, der sich selbst gerne als Johannes und Jesus' Lieblingsjünger gesehen hatte. Vier solcher Sammlungen von Jesusgeschichten - von über fünfzig - schafften es in die Bibel. Man nennt sie Evangelien.

Das meiste über die Jesusjünger wissen wir aus diesen Evangelien. Doch obwohl ihre Autoren ihre Text etliche Jahrzehnte nach Jesus' Tod geschrieben haben, hören ihre Geschichten fast alle mit der sogenannten Himmelfahrt der Hauptperson auf. Was die Jünger danach auf sich gestellt unternahmen, dazu gibt es allerdings etliche Legenden. Aus Bibel und Legenden lassen sich folgende kurze Porträts unserer Hauptpersonen erstellen.

 

Die Jüngerporträts

 

Andreas hatte schon eine Jüngerkarriere hinter sich, als er zu Jesus kam. Früher war er nämlich bei Johannes dem Täufer. Mit dem Wechsel nahm Andreas auch Bruder Simon mit zu Jesus. Das war der Simon, den Jesus später Petrus nannte.

Andreas kam nach Jesus' Tod viel herum, predigte in Epirus, Kappadokien, Skythien, Thrakien, Makedonien und Achaia. Sogar im heutigen Ostanatolien und im westlichen Georgien trat er auf.

In Patras heilte er schließlich Maximilla, die Frau des Statthalters Aegeas. Gleichzeitig bekehrte er sie und ermahnte sie zur ehelichen Enthaltsamkeit. Aegeas gefiel das gar nicht und er befahl Andreas' Züchtigung mit Ruten und darauf folgend die Anbindung an ein X-förmiges Kreuz. Zwei Tage predigte Andreas noch vom Kreuz herab bis zum Märtyrertod.

Besonders gut kam Andreas als Apostel in Kleinasien, Konstantinopel, Russland und Rumänien an. In Russland und Rumänien aber auch in Schottland hat er es gar zum Nationalheiligen geschafft. Heutet schmückt sein Kreuzigungskreuz, das Andreaskreuz, Bahnübergänge in aller Welt.

 

Bartholomäus kennen wir von Bildern, auf denen er stolz seine abgezogene Haut zeigt. Diese Kompletthäutung konnte ihm nichts anhaben. Davor war er mit dem Matthäus Evangelium in der Tasche predigend nach Armenien und Persien und vielleicht auch nach Indien gezogen. Seine Spezialität war die Heilung von Besessenen.

In Indien trat er an, sämtliche Götterbilder Indiens zu entmachten und zu zerstören. Mit dem Gott Astraroth fing er an. Auf den hofften die indischen Kranken. Im Handstreich entzog Bartholomäus ihm die Kraft.

Beim Gott Berith legte er nach. Vor dem König ließ er ihn aus seiner Statue herausfahren und die Statue sich selbst zerstören. Automatisch fuhren nun alle anderen indischen Götter aus ihren sämtlichen Statuen und all ihren Bildern, die sich dabei zudem selbsttätig vernichteten.

Das Ganze war deshalb passiert, weil Bartholomäus wütend darüber war, dass der König und sein Gefolge sich nicht taufen lassen wollten, obwohl Bartholomäus die Königstochter zuvor von "ihren Fesseln befreit hatte". Die ganze Götterzerstörung wiederum machte die indischen Priester wütend und sie ließen Bartholomäus verprügeln und enthäuten. Bartholomäus juckte das wenig, er nahm seine Haut und zog von dannen. Das verblüffte den indischen König so sehr, dass er sich nun doch taufen ließ.

Wie wir schon wissen vollendete Bartholomäus sein Martyrium auf eher traditionelle Weise. Wie seinen Jüngerkollegen Andreas hängte man ihn kopfüber an ein Andreaskreuz, und auch er hat noch zwei Tage von Kreuz herab gepredigt.

Heute wirkt er als Heiliger gegen Haut- und Nervenkrankheiten sowie gegen Zuckungen, Dämonen und Geister.

 

Jacobus der Ältere war ein eher rustikaler Bursche. Jesus nannte ihn Donnersohn (Boanerg), wegen seines aufbrausenden Temperaments.

Die Spanier behaupten, dass er hauptsächlich bei ihnen missioniert hat. Aber zunächst ohne großen Erfolg - bis eines Tages, er saß frustriert am Ufer des Ebro, ihm Jesus' Mutter erschien. Sie richtete ihn wieder auf, und danach klappte alles besser.

Von seinem Wirken ist nicht viel bekannt, aber von seinen Nachwirkungen. Als Geist in Form eines Ritters auf einem Schimmel trat er bei den spanischen Maurenkriegen auf und verdiente sich den Namen Maurentöter. Traditionell riefen die Spanier seitdem ¡Santiago y cierra, España! (Sankt Jakob und greif an, Spanien!) wenn sie ins Gefecht zogen. Auch bei der Eroberung Amerikas und bei Kämpfen gegen die Türken wurde Jacobus als Mitkrieger angerufen.

Dabei stimmt es wahrscheinlich gar nicht, dass er überhaupt in Spanien gepredigt hat. Dennoch haben sie Spanier seine Gebeine nach Santiage di Compostela überführen lassen und sie dort begraben, um dann darüber immer größere Kirchen zu bauen. Luther schimpfte, dass das alles Humbug sei. Und trotzdem pilgern noch heute viele Tausende von Menschen dorthin, und ihre Pilgerwege werden Jakobswege genannt. Hunderte Orte auf den Welt haben sich den Namen Santiago (Sankt Jakob) gegeben, und es gibt eine Muschel und eine Kinderfernsehserie, die seinen Namen tragen.

Als Schutzpatron taugt Jacobus nicht nur für die Krieger, sondern u.a. auch für die Hutmacher, Wachszieher, Kettenschmiede, Drogisten und Apotheker, Arbeiter und Seeleute. Er soll auch gegen Rheuma helfen und die Feldfrüchte und Äpfel gedeihen lassen, und bis heute ertönt bei bayrischen Bauern "Jakobi, schneid obi!" wenn es zur Getreideernte geht.

 

Jacobus der Jüngere hat nach Jesus' Tod vermutlich den Ball flach gehalten. Über Abenteuerreisen und Wundertaten ist jedenfalls nichts bekannt.

Dennoch musste er natürlich als Märtyrer sterben. Man wollte ihn nämlich einmal zwingen, von der Zinne des Jerusalemer Tempels seinen Glauben zu widerrufen. Das hat er freilich nicht getan und deshalb wurde er vom Synedrium, dem Hohen Rat der Juden, zum Tode verurteilt. Praktischerweise warf man ihn einfach von der Tempelzinne. Er überlebte jedoch, und so nahm man eine Tuchwalkerstange zur Hand, um ihn tot zu schlagen. Das qualifizierte ihn dann zum Patron der Walker und Gerber, aber auch der Hutmacher, Krämer, Pastetenbäcker und Konditoren.

 

Johannes war sehr temperamentvoll und auch schon mal zornig, weshalb Jesus ihn ebenfalls Donnersohn nannte. Er war ein einfacher Fischer und Jesus schien sofort einen Narren an ihm gefressen haben. Er rekrutierte ihn quasi vom Netz weg.

Beim letzten Abendmahl lag Johannes an Jesus' Brust und manche behaupten, er sei deshalb identisch mit dem "Jünger, den Jesus liebte".

Johannes war viel mit Petrus unterwegs, predigte mit ihm und sah im beim Wunder wirken zu.

Er selbst vollbrachte natürlich auch das ein oder andere Wunder. Ein böser heidnischer Priester wollte ihn zum Beispiel einmal zwingen, der Göttin Artimis zu opfern. Weil er sich widersetzte musste er einen Becher mit vergiftetem Wein trinken, so wie schon zwei andere Verweigerer vor ihm. Mit einfachem Kreuzzeichenschlagen ließ Johannes eine Schlange aus dem Becher entweichen und trank nun genüsslich den Wein. Wider Willens erweckte er damit auch seine beiden vergifteten Trinkkumpane zum Leben.

Johannes, so heißt es, war viel mit der Apostela Maria-Magdalena unterwegs und sie besuchten Kirchen und Kirchengemeinden. In Ephesus wurden sie während des Schlafens einmal beinahe beraubt und sagten dem Räuber danach heftig die Meinung.

Siedendes Öl konnte Johannes, wie wir wissen, nicht zum Märtyrer machen. So erreichte er das biblische Alter von 94 Jahren.

 

Judas war ein Judäer und schon deswegen ein Außenseiter, weil alle anderen Jesusapostel Galiläer waren.

Beim letzten gemeinsamen Essen mobbte Jesus Judas indem er ankündigte, einen eingetunkten Bissen Brot jetzt seinem Verräter zu reichen, und diesen dann an Judas gab. Das hatte zur Folge, dass der Satan in letzteren einfuhr.

Judas ist berühmt dafür, dass er Jesus küsste, um ihn im Garten Gethsemane der Tempelwache erkennen zu geben. Dafür soll er dreißig Silberlinge erhalten haben. So einen falschen Männerkuss kennt man als Judaskuss. Er ist beliebt bei osteuropäischen Autokraten.

Judas war der Geldverwalter der Zwölferbande. Woher die Einnahmen kamen und wie sie ausgegeben wurden bleibt unklar. Judas wurde verdächtigt, als Verwalter nicht immer ehrlich gewesen zu sein.

Als Ausgestoßener durfte Judas natürlich nicht in die Welt gehen, missionieren und Märtyrer werden, sondern musste unehrenhaft sterben. So erhängte es sich entweder oder ist dramatisch geplatzt auf dem "Blutacker", den er von den dreißig Silberlingen erworben hatte.

 

Matthäus, der Zöllner, konvertierte von Steuereintreiber für die Römer zum Originaljünger von Jesus. Schon bald nach seinem Tod wird behauptet, er habe ein Evangelium geschrieben, wofür es keine Beweise gibt.

Er kam weit herum und evangelisierte mit dem angeblich eigenen Evangelium breite Landstriche, z.B. Parthien, Persien und das "Land der Menschenfresser", genannt Äthiopien.

Er legte sich mit Zauberern an und tötete deren Drachen. Ferner zeichnete er sich durch Wunderheilungen und das Erwecken von Toten aus.

Dem König Eqippus erweckte er seinen toten Sohn und heilte seine kranke Tochter Ephigenia von Aussatz. Daraufhin wurde flugs ein Kloster erbaut in das Ephigenia freiwillig eintrat.

Matthäus mischte sich aber noch weiter in die Königsfamilie ein. Als der König starb wollte der Bruder des Königs Ephigenia heiraten. Das machte Matthäus so wütend, dass er den Bruder am Altar von rückwärts mit einem Schwert durchbohren ließ.

Matthäus selbst ist entweder friedlich gestorben oder zu Tode gesteinigt oder verbrannt worden.

 

Simon aka Petrus war kein Jüngling wie alle anderen, er war verheiratet. Ob das für ihn eine Rolle spielte, ist nicht bekannt. Er war Fischer und von einfachem Gemüt, arbeitete sich in Jesus' Gunst schnell empor und wurde zum Anführer der Jünger. Früh versuchte er sich in Wundern. Als er es Jesus nachmachen wollte, übers Wasser zu gehen, schaffte es jedoch noch nicht. Nach Jesus' Tod gelangen ihm dann aber etliche Wunder, sogar Tote wiederbelebte er. Außerdem hatte er gelegentlich Erscheinungen.

Simon Petrus war pragmatisch und machtbewusst. Als Jesus vor seinem Tod der Prozess gemacht wurde, leugnete er, Jesus überhaupt zu kennen. Er konnte sich ausrechnen, dass er sonst in einen gefährlichen Abgrund hineingezogen worden wäre.

Überliefert ist, dass Jesus ihm die Verwaltung seiner Ideologie anvertraut hat. Dazu gab er ihm den Namen Petrus, griechisch 'der Fels', und führte weiter aus "auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen..."

Weil Jesus nach seinem Tod keine Kirche mehr bauen konnte, fühlte sich Petrus in der Pflicht. So 'baute' er eine Kirche zuerst in Jerusalem und dann in Rom. (Letztere wuchs sich zu mehreren über die Maßen prunkvollen Gebäuden aus, in denen dann allerlei Päpste residierten.) Petrus reiste auch gerne zu Jesusgruppen am Mittelmeer, die sich dort selbst gegründet hatten. In Rom, wo es die Jesusanhänger besonders schwer hatten, verkündete er Durchhalteparolen. Vor allem berühmt wurde Petrus durch die von ihm veranstalteten Massenbekehrungen. Er war ein geborener Demagoge, ein "Menschenfischer", wie Jesus ihn genannt hatte.

 

Philippus ist ein bisschen untergegangen bei den Bibelautoren. Aber es gibt ja Heiligenlegenden. Demnach predigte er 20 Jahre in Skythien, und einmal kam ihm dabei ein gewaltiger Drache in die Quere. Der hatte einen Priester und zwei Tribunen getötet und mit seinen giftigen Ausdünstungen alle Umstehenden krank gemacht. Philippus schritt mutig ein und machte, dass der Drache "in die Wüste ging". Dann erweckte er die Toten, heilte die Kranken, stürzte Götzenbilder um und bekehrte alle.

Wie die meisten Jünger traf auch Philippus traf einmal einen Zauberer, in seinem Fall einen Simon. Dieser will ihm den Trick mit der Beschwörung des Heiligen Geistes abkaufen. Simon Petrus, der hinzukommt, duldete das jedoch nicht und verlangte Buße vom Zauberer. Ob es, wie meistens, zu Handgreiflichkeiten kam, wissen wir nicht.

 

Simon war ein Zelot, das heißt ein Eiferer. So hießen damals die Mitglieder der gewalttätigen Widerstandgruppen gegen die Römer. Die Bibel deutet darauf hin, dass er ein Bruder Jesus' war. Das ist aber christentechnisch nicht möglich, weil Jesus Mutter Maria ja eine unbefleckte Jungfrau war.

Er war entweder mit Thaddäus in Babylonien und Persien unterwegs, oder war Vorsteher der Jerusalemer Urgemeinde. Entweder wurde er 120 Jahre alt und dann erst gekreuzigt, oder er wurde bereits in jüngeren Jahren zersägt. Es waren in jedem Fall wohl die Römer, die ihm zu seinem Märtyrertod verhalfen.

 

Thaddäus wurde auch Judas Zelotes genannt, oder Lebbäus oder Lebbai, oder Taddaj oder Addai oder Andaraos. Übersetzt heißt sein Name immer "Gott sei Dank".

Als Addai machte er sich kurz nach Jesus Tod nach Edessa auf, um den dortigen König Abgar V. von Lepra zu heilen. Der war aber bereits per Fernheilung durch Jesus genesen - Jesus hatte ihm dazu ein Acheiropoieton , ein lebensechtes Abbild, zukommen lassen. Wo er schon mal da war, bekehrte Thaddäus nun gleich das ganze Volk und wirkte als erster Bischof der Stadt, bis er schließlich weiterzog .

Statt alledem ist er vielleicht zusammen mit Simon durch Mesopotamien und Persien gezogen, prophezeite dort einem Feldhauptmann Sieg und Frieden (was umgehend eintraf), ging mit Simon als Götter in Menschgestalt zu König Xerxes, taufte ihn und Tausende im gesamten Umkreis, führte zahllose Zauberer als machtlos vor und stürzte Götter. Das erboste die alten Priester und, angestiftet von den Zauberern, organisierten sie einen Aufstand gegen die beiden Apostel. Dabei wurden beide zu Märtyrern. Thaddäus wurde erstochen oder enthauptet oder mit einer Keule erschlagen. Natürlich rächte Gott die Apostel. Er schickte ein Unwetter, das zielgerichtet sämtlichen Priestern und Zauberern des Landes den Gar aus machte.

 

Thomas ist bekannt, weil er seine Finger in die größte Wunde Jesus gelegt hat. Er wollte sich vergewissern, dass der aus dem Totenreich wiedergekehrte Jesus echt ist. Jesus war zu seinen Jüngern durch die geschlossene Tür eingetreten und hatte Thomas zu diesem Test selbst aufgefordert. Danach sprach er ihm daraufhin ungerührt die Seligkeit ab, indem er sagte "Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben."

Thomas wollte es manchmal genauer wissen als die anderen Jünger. Als Jesus vor seinem Tod von einem Platz sprach, zu dem er gehe und den er für die Jünger vorbereiten wolle "damit auch sie dort seien, wo er ist" und dann noch hinzufügte "Und wohin ich gehe - den Weg dorthin kennt ihr." stellt Thomas fest, dass sie jetzt immer noch nicht wissen, wohin sie gehen sollten. Jesus bügelt ihn daraufhin ab mit einem seiner berühmten "Ich bin..." Sätze: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben."

Trotzdem war Thomas Jesus treuer ergeben als mancher andere Jünger. Wenn Jesus stirbt, dann wollte er auch sterben. Als Jesus sich wegen einer Totenauferweckung in Jerusalem in Gefahr begibt schlägt Thomas den anderen vor: "Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben".

Natürlich hat Thomas auch viel und an vielen Orten bekehrt, vor allem in Indien. Hier hat er bei der Hochzeit einer Königstochter einen Mundschenk, der ihn geohrfeigt hatte, von Löwen zerreißen lassen und damit das Brautpaar so beeindruckt, dass sie Christen wurden.

Dem indischen Herrscher Gundisar zeichnete Thomas einen Palast auf und bekam daraufhin viel Geld für dessen Bau. Dieses Geld verteilte er aber zu Bekehrungszwecken an die Armen. Der Herrscher ließ Thomas daraufhin in den Kerker werfen, hatte dann aber eine Erscheinung, nach der Thomas ihm im Jenseits bereits einen prächtigen Palast errichtet hatte. Gundisar war sofort bekehrt und ließ Thomas ziehen.

Thomas bekehrte wenig später ein paar vornehme Frauen, was den König Misdai ärgerte, welcher ihn nun vielfältig martern ließ und ihn zwingen wollte, dem Sonnengott zu opfern. Thomas tat das nicht, sondern provozierte stattdessen den Teufel in der Sonnengottstatue und ließ sie wie Wachs zerschmelzen. Das führte aber geradewegs zu seinem Märtyrertod, weil ihn der Oberpriester ohne Federlesens zur Strafe mit einer Lanze durchbohrte.

Vielleicht ist er aber auch weitergereist bis nach Madras und wurde dort erst durchbohrt.

 

Soviel zu den Originalaposteln oder -jüngern, also die, die Jesus kannten. Wenn wir sie gleich bei einem Jahrestreffen beobachten, kommt auch der Apostel Paulus vor. Deshalb hier noch ein paar Informationen zum ihm.

 

Paulus , der Spätberufene, war geborener Türke und leidenschaftlicher Pharisäer. Er wechselte das Lager und entwickelte sich schnell zum Eifrigsten unter den Jesusaposteln. Eine Missionsreise folgte auf die andere und er machte sich einen Namen als Briefeschreiber an die Christusgemeinden.

Gleich auf seiner ersten Missionsreise nach Zypern, die er mit dem dort geborenen Barnabas unternahm, widersetzte sich ihm ein Zauberer. Zur Strafe schlug er ihn blind oder, wie es heißt, mit Blindheit. Das schlug in Zypern so ein, dass sich der Stadthalter gleich zum Christentum bekehrte.

Dann verkrachte er sich mit Barnabas und legte sich für die nächste Abenteuerreise einen neuen Kompagnon zu, nämlich Silas. In Phillipi nahmen sie bei einer gewissen Lydia Quartier. Dort trafen sie dann auf eine wahrsagende Sklavin und trieben ihr die Wahrsagerei aus. Der Besitzer der Sklavin war entrüstet und zeigte die beiden an. Kurzfristig mussten sie einsitzen, bekehrten einen Aufseher und kamen letztendlich frei, weil Paulus ja ein Römer war.

Auf eine weiteren Missionsreise traf Paulus auf sogenannte jüdische Beschwörer, die, wie er meinte, den Namen Jesus missbrauchten. Sie wurden "schwer zugerichtet". So schwer, dass sie aus Angst ihre Zauberbücher verbrannten.

Gerne wäre Paulus wohl wie Jesus gekreuzigt worden. Aber wegen seiner römischen Staatsbürgerschaft ließ Nero ihn nur enthaupten.

 

Das Jahrestreffen

 

Fast zweitausend Jahre später veranstalten die Apostel wieder mal ihr Jahrestreffen. Es sind nun alles Männer von 65 Jahren - im Himmel ist man zwar unsterblich, aber bis man 65 ist altert man langsam vor sich hin, und wenn man älter gestorben ist, wird man auf 65 zurückgesetzt.

Traditionell machen sie dazu ein kleines Festessen im Abendmahlsaal, bei dem Jesus normalerweise am Anfang, in der Mitte und am Ende eine Rede hält und dabei den Wein und das Brot bespricht. Jesus allerdings hat sich schon länger nicht mehr hier blicken lassen. Auch er ist jetzt 65 und immer noch der alte, das heißt ziemlich unreif geblieben. Mit dem Heiligen Geist treibt er sich auf der Erde herum, entzweit Menschen, bringt ihnen das Schwert und predigt Unterwürfigkeit und Unfehlbarkeit. (Man könnte auch sagen er zettelt Kriege an, handelt mit Waffen und unterstützt Diktatoren.)

Das alles missfällt Gott, seinem Ziehvater, sehr, der hatte aber immer schon so etwas geahnt. Der Heilige Geist ist einfach ein windiger Halodri, und Jesus kommt am Ende doch ganz nach seinem leiblichen Vater.

Ohne Jesus als Zeremonienmeister muss einer von den Aposteln nun das Brot aufbrechen und den Wein vorschwenken, diesmal ist es, wie meistens, Petrus. Petrus verkürzt seit langem die Zeremonie ein wenig. "Das ist sein Leib." sagt er über das Brot hinweg während er es in der Mitte auseinanderreißt. "Und das ist das Blut vom Chef" fügt er trocken hinzu während er den Rotwein im Kelch heftig schwenkt. "Jetzt trinkt und esst davon." "Auf zum Leichenschmauff!" frohlockt Thomas, der sich schon Brot in den Mund gesteckt hat und der immer zu Scherzen aufgelegt ist.

Dann hauen sie rein. Zur Vorspeise gibt es ein halbes Dutzend Austern pro Person und einen spritzigen italienischen Prosecco, dann zarte Lammkoteletts mit Ochraschoten mit einer Extraportion Pommes Frites für Andreas, und als Nachtisch Tiramisu, das hatte sich Thaddäus gewünscht. Auf dem Tisch stehen mehrere Karaffen mit Chateauneuf-du-Pape, die von den Erzengeln Gabriel und Michael immer nachgefüllt werden.

Ja, die Apostel lassen es sich gutgehen. Das haben wir uns verdient ist die Devise. Und wie jedes Jahr reden sie gerne von alten Zeiten.

Weil Jesus nicht da ist, haben sie als dreizehnte Person Paulus eingeladen. Aber auch, weil der eine Stimmungskanone ist.

"Hab ich euch eigentlich schon erzählt, wie es damals in Philippi bei der Lydia war?", beginnt Paulus schon während des Hauptgangs.

"Schon hundertmal." stöhnen die anderen auf. Und Scherzkeks Thomas ruft "Philippi muss mal Pippi." "Stimmt ja gar nicht!" empört sich da Philippus, und kaut wütend an seinem Lammknochen.

Aber Paulus spricht einfach weiter. "Das war damals eine richtige Kommune, mit freier Liebe und so. Und gerade die Lydia, die uns eingeladen hat, war ja vorher schon sowas von bekehrt." Er zieht sich das linke Unterlid nach unten. "Der Silas und ich, wir haben so oft Maria und der Heilige Geist mit ihr gespielt, dass wir das Missionieren fast vergessen haben."

"Du Angeber!" ruft da Thaddäus. Und Simon scherzt "Er hat doch recht. Missionieren darf auch Spaß machen "

"Aber nur in der Missionarsstellung", gibt Bartholomäus zu Besten. Alle grölen. Nur Johannes schaut etwas pikiert.

"Was ist, Hansi?" munkelt da Matthäus, "Hälst du nichts von Frauen?"

"Natürlich doch", gesteht der. "Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. - Sagte schon Goethe."

"Kenn' ich nicht." murmelt Matthäus.

"Du bist ja auch im ersten Jahrtausend stehen geblieben.", kommentiert Judas.

Johannes rechtfertigt sich weiter: "Und außerdem war ich viel mit Maria Magdalena zusammen nachdem der Jesus weg war. Wisst ihr schon, dass wir beide beim Schlafen einmal von einem Räuber überrascht worden sind?"

"Ja-ah!", hört man Judas durch die Zähne zischen. Bei so vielen Hunderten von Jahrestreffen waren eben all die alten Geschichten auch schon hunderte Male erzählt. Und keiner der Jünger war dement.

"Na dann", gibt Johannes auf.

Die Erzengel müssen nun schon zum dritten Mal neuen Wein bringen.

Thomas nutzt die kurze Stille: "Das ist wieder das richtige Essen für unsere Donnersöhne, besonders die Okraschoten." tönt er.

"Thommi, du Kindskopf" ermahnt ihn Petrus. Dabei hat er solche Sprüche fast bei jedem Jahrestreffen selbst gemacht, weil er die Donnersöhne Jacobus1 und Johannes gerne neckte. Heute war ihm Thomas schlicht zuvorgekommen.

Bartholomäus hat schon seit etlichen Jahren bei allen Treffen einen Aluhut auf. Er hat so viele Geister und Dämonen ausgetrieben, dass er nun glaubt von deren Strahlung verfolgt zu werden und der Geister- und Dämonenwall des Himmels traut er nicht. Außerdem gibt ihm der Hut angeblich die Berechtigung, alternative Fakten zu verbreiten.

"Damals war's in Indien oder Armenien ... oder Persien", beginnt er, "ich erinnere mich nicht mehr wo es war. Jedenfalls hat man mich ... gehäutet."

"Das wissen wir doch!" wiegelt Jacobus2 ab. "Mich hat man sogar von einer Tempelzinne geworfen und dann mit einer Tuchwalkerstange gewalkt."

"Und ich bin zersägt worden", säuselt Simon.

"Und ich bin frittiert worden", johlt Johannes.

"Und ich platze gleich wieder!", juxt Judas.

"Jetzt lasst doch den Bartho mal erzählen.", glättet Petrus die Wogen.

"Leute, also: Wie ihr schon wisst zog ich mit meiner abgezogenen Haut von dannen. Aber was keiner weiß ist: ich war kaum um die Ecke, da fuhr - hui - der Satan in meine Haut und wollte sich damit davonmachen. Ich aber bekam meine Haut noch am Bein zu fassen. Dann gebot ich Satan, sich zu entheben. Er wollte sich aber lieber erheben und gebot mir loszulassen. So stritten wir eine Weile mit Gebot und Gegengebot. Da beschwor ich endlich den Heiligen Geist. Er stürzte auf uns herab und riet mir, meine Haut am Fuß zu kitzeln. Ich tat wie mir geraten, und mit einem schrecklichen Lachen fuhr Satan aus der Haut. Ich bedankte mich beim Heiligen Geist. Er aber sagte, nichts zu danken, verkaufst du mir deine Haut - dreißig Silberlinge?"

"Was will denn der Heilige Geist mit dem labrigen Zeug?" fragt Andreas. Und Petrus antwortet ihm:

"Der Heilige Geist hat eine geheime Häutesammlung. Dafür hat er hier im Keller einen großen, verschlossenen Raum. Da hat er sie aufgehängt."

"Das ist aber ziemlich gruselig.", stottert Thomas mit eingezogenem Kopf.

"Und was macht der Heilige Geist damit?" argwöhnt Andreas.

"Na, er übt das in die Haut und aus der Haut fahren. - Nee, im Ernst, ich glaube er nimmt sie mit auf die Erde und spielt den Zombie von Bartho darin", erklärt Petrus.

"Und, hast du ihm deine Haut verkauft?" will Johannes wissen.

"Klaro", sagt Bartholomäus "ich brauchte sie ja nicht mehr, ging ja auch ohne. Außerdem wurde ich ja bald danach gekreuzigt."

"Am beschrankten Bahnübergang", kichert Thomas.

"An meinem Kreuz!" merkt Andreas stolz auf.

"Aber das ist doch bestimmt alles nicht wahr, Bartho. Du hast doch deinen Hut auf. Das sind doch fake news.", philosophiert Philippus.

"Aber das mit der Häutesammlung muss stimmen. Das hat Petrus erzählt." gibt Johannes zu bedenken.

"Leih' mir doch mal kurz deinen Hut, Bartho.", fordert Petrus. Alle lachen, nur Johannes schaut etwas pikiert.

"Das gefällt dir nicht, Hansi, was, mit unseren alternativen Fakten." spricht Petrus."Aber das haben wir doch schon bei Jesus gelernt: Fakten sind immer die, die uns am besten gefallen."

"Genau!" pflicht Paulus bei. Thomas will protestieren, aber es kommt nur ein Pfft heraus weil er sich am Wein verschluckt. "Amen, so sei es!", beschließt Judas das Thema.

Nach einer kurzen Pause sinniert Jacobus1 "Eigentlich würde ich gerne mal wieder runtergehen und schauen, wie's jetzt da unten aussieht in Israel. Erinnert ihr euch noch an unsere Picknicks mit Fischgrillen am See Genezareth und wie wir dort gebadet haben und wie Simon mit Jesus einmal übers Wasser laufen wollte?"

"Du verpasst nichts", erwidert Petrus. "Das ist längst nicht mehr so idyllisch wie früher. Selbst Jesus, der ja könnte wenn er wollte, will nicht mehr dorthin. Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Atomwaffen. Der See trocknet aus und der Jordan ist ein braunes Rinsaal."

"Ach, wo ist es heute schon noch schön auf der Erde!", seufzt Simon.

"Das kommt davon, wenn man Jesusparolen von sich Vermehren und sich die Erde untertan machen predigt. Ich hab' das kommen sehn und sowas nie gepredigt", trauert Thaddäus.

"Lass' gut sein, Thaddi", tröstet Petrus. "Wir sind hier im Himmel. Was die da unten machen, braucht uns nicht mehr zu stören."

"Darauf wollen wir anstoßen", erhebt Paulus das Wort und den Kelch. "Prost. Aufs ewige Leben im Himmel."

 

Jesusgeschichten dichten

 

"So, Bartho, jetzt gib doch nochmal bitte deinen Aluhut rüber. - Den legen wir jetzt in die Mitte vom Tisch. Und Andi, nimmt mal sein Fischamulett ab und legt es über den Hut. - Wir dichten jetzt Jesusgeschichten." palavert Paulus.

"Au ja, Geschichten dichten!" tobt Thomas.

"Ihr dichtet, ich schreibe - bin ja eindeutig der beste Schreiber hier. Ich gebe euch mal einen Satz zum Einstieg: Als Jesus einmal in der Schar seiner Jünger im Garten Gethsemane weilte, setzte er sich unter einem Feigenbaum und aß Feigen."

Sofort setzt Thomas fort: "Da bekam er Flitzekacke." Ein paar Jünger lachen.

"So einfach geht das nicht." beschwert sich Petrus.

"Vom Feigenessen kann man Dünnschiss bekommen, das weiß doch jeder", meldet sich Jacobus2 zu Wort.

"Das weiß ich auch", entgegnet Petrus entnervt, "ich meinte auch mehr den Stil. So hätten das die Bibeldichter nie geschrieben."

"Wie denn sonst?" sucht Simon zu wissen.

"Na zum Beispiel: Und Jesus sprach zu seinen Jüngern, die ihn fragten: 'Herr, was ist mit Euch?': Wahrlich ich sage euch, wenn ihr von diesem Baume zu viel esst, so werdet ihr mir eilig nachfolgen hintern Busch."

"Der ist gut.", lobt Thaddäus, "Aber Jesus würde doch nie 'hintern Busch' sagen, zumindest nicht in einer Bibelgeschichte."

"Wenn ihr von diesem Baume zu viel esset, so werdet ihr mir eilig folgen zu einen Ort, den ich für euch bereitet habe." revidiert Petrus seinen Satz.

"Denn ich bin der Weg und ich bin das Ziel und wer mir folget dem wird Erlösung zuteilwerden." ergänzt prompt Judas.

Jetzt kommen die Jünger in Fahrt.

"Und Jesus erhob sich und eilte von dannen und seine Jünger folgten ihm mit gerafften Gewändern." dichtet Matthäus weiter.

"Moment, das ist alles schon mal gut, das schreib ich auf", interveniert Paulus. Man lässt ihn schreiben.

"Wollen wir denn heute keine Wunderheilung erdichten? Jesus könnte sich doch jetzt selbst vom Dünnschiss heilen.", unterbricht Philippus das Schweigen.

"Jesus kann sich nicht selber heilen. Und das Wunder passiert immer erst am Ende." stellt Johannes humorlos fest.

"Jetzt muss erstmal noch was anderes passieren.", fordert Paulus, als er fertig mit Schreiben ist. "Wer weiß noch was?"

Jacobus1 und 2 melden sich gleichzeitig. "Ja, Jackie?" sagt Paulus. Jacob2 holt Luft aber Jacob1 sagt schnell "Ja also", "Ich hab' mich aber zuerst gemeldet!" quengelt Jacob2. Jacob1 beachtet ihn nicht.

"Ja, also, im Garten könnte eine Steinigung stattfinden."

"Aber im Gethsemane gibt's kaum gute Steine für eine Steinigung." gibt Thaddäus zu bedenken.

"Jesus könnte die Steine vermehren, damit es für alle reicht." fällt Andreas ein.

"Gute Idee!" kommentiert Paulus.

Petrus greift die Idee auf "Also: Als Jesus und seine Schar aber vom Busche zum Baume zurückkehrten, hatte sich davor bereits eine große Menschenmenge eingefunden."

"Jesus begann sofort zu predigen." greift Johannes den Faden auf. "Siehet den Menschensohn in seiner Herrlichkeit, der gekommen ist euch vom Fluch des Feigenbaumes zu erlösen. Denn da woher ich komme, wird auch euch Erlösung zuteilwerden."

"Gut, wird eingeloggt", sagt Paulus und schreibt.

Nun dichtete sich Petrus in Schwung "Die ungläubige Menge aber wandte sich ab, denn sie war in Wahrheit gekommen um der Steinigung einer Sünderin beizuwohnen. Diese hatte ein liebreizendes Gesicht, schwarze Haare, lange Beine, einen gebenedeiten Körper und war noch ziemlich jung."

"Jaja, das ist dein Typ, was? Aber was soll sie denn getan haben?" fragt Jacob2.

"Das übliche, überhöhte Tarife!" jubelt Judas und reckt seinen rechte Faust nach vorne. Er hat schon reichlich dem Chateauneuf-du-Pape zugesprochen. "Sie hat von jedem, der ihr beiwohnte, dreißig Silberlinge verlangt, das war nicht gottgefällig." gestikuliert er.

"Wie wär's wenn Jesus sie kannte, und sich auch schon über den Preis geärgert hätte. Und trotzdem rettet er sie dann in letzter Sekunde und bekehrt sie, damit er nicht mehr zahlen muss?" schlägt Philippus vor.

"Das passt!" knurrt Judas.

"Erst macht er aber die wundersame Steinevermehrung." Philippus dichtet: "Als Jesus aber sah, dass viele der Steiniger ohne Stein waren, sprach er zu ihnen: 'Gebt so wird euch gegeben.' Und er sammelte alle Steine ein und verteilte sie daraufhin neu. Und siehe, nunmehr nannte jeder einen stattlichen Steinigungsstein sein Eigen. Und selbst für Jesus blieb noch einer übrig."

"Ok, so geht's", meint Paulus und schreibt auf.

Thomas platzt heraus: "Dann sagt Jesus 'Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein', und dann wirft er schnell seinen eigenen."

"Nein, so geht's nicht", tadelt Thaddäus. "So kommt unsere Geschichte nie in die Bibel."

"Wir schreiben hier erst mal nur für uns. Wir schreiben das, was uns gut tut." rückt Paulus zurecht.

"Also gut", ist nun von Bartholomäus zu vernehmen, "Wie wär's damit: Und Jesus sah, dass es gut war, und befahl dem Steinigungsmeister nun mit der Steinigung zu beginnen. Alle Männer huben an, mit ihren Steinen auf die Sünderin zu werfen. Da jedoch gebot Jesus ihnen Einhalt und sprach - und sprach ... ääh ..."

"Ja, jetzt muss er irgendeinen seiner Sprüche sprechen", anmerkt auch Andreas.

"Selig sind die, die zielen und doch nicht treffen.", schlägt Matthäus vor. "Denn wer nicht trifft, wird selbst getroffen und wird Höllenqualen erleiden."

Matthäus wird nun ganz vom Dichten ergriffen. "Da fuhr der Heilige Geist in sie und verwirrte sie so, dass sie die Steine auf ihre eigenen Füße warfen. Alle, einschließlich Jesus, hüpften darob herum und schrien in Zungen".

"Du bist richtig gut. Man könnte meinen, du wärst ein Evangeliendichter.", lobt Paulus.

"Jetzt muss aber noch die Wunderheilung kommen!" insistiert Philippus.

Andreas hat eine Idee: "Ganz einfach. Also: 'Jesus aber heilte zuerst seinen Fuß und dann die Füße der Herumhüpfenden, die sich daraufhin alle bekehrten und Jesus für seine Heilung huldigten und ihn den Heiland nannten.' - Punkt".

"Noch nicht ganz", spricht Paulus während er schreibt. "Ihr solltet noch sagen, was ihr als Jünger daraus gelernt habt."

Petrus springt in die Bresche: "Seine Jünger aber hatten drei neue Lektionen gelernt, nämlich wo man hingehen muss um Erlösung zu finden, dass der selig ist, der nicht trifft, und dass Jesus doch seinen eigenen Fuß heilen kann."

Paulus schreibt und spricht "Na gut, ich hab's gleich. - Ein Problem dieser Jesusgeschichte könnte sein, dass es im Gethsemane nur Olivenbäume gibt. Aber egal, wer weiß schon sowas. - In die nächste Ausgabe der Bibel wird es die Geschichte sowieso nicht schaffen. Aber ich nehme sie mit zu meiner nächsten Bibelschreibwerkstatt als Anregung für die Priesterseminaristen."

Petrus winkt in der Zwischenzeit den Erzengel Gabriel heran: "Gabi, komm mal her. - Mach' mal ein Foto von uns allen", und er reicht Gabriel sein Handy.

"Moment noch!" ruft Paulus. "Alle auf diese Seite vom Tisch!" Er nimmt den Aluhut und das Fischamulett und zieht sich beides über. Dann zwängt er sich mitten zwischen die Jünger. "Und jetzt alle: Jäääää-sus!".