Einfach so

Nadine versuchte sich zu beruhigen.

Zum ersten Mal in ihrem zweiundzwanzigjährigen Leben hatte sie einen Toten gesehen. Eine Tote, genauer gesagt. Sie lag mit dem Oberkörper an eine Hauswand gelehnt, die Augen halb offen. Eine Frau um die fünfzig, blonde, leicht graue Haare, geschminktes, aber nun bleiches Gesicht. Die Haare klebten an der Stirn und der lippenstiftrote Mund wirkte gespenstisch. Sie war von mittlerer Größe und Figur, bekleidet mit einem braunen Blazer über einer weißen Bluse und Blue Jeans, die Schuhe, braune Stiefeletten, unten ein wenig beschmutzt mit Erde und oben etwas, das wie Erbrochenes aussah. Halb lag ihr rechtes Bein auf einer braunen Handtasche. Wie lange Nadine hingeschaut hatte, wusste sie nicht, aber jetzt sah sie dieses Erinnerungsbild vor sich, in allen Einzelheiten.

Und dann war da die Befragung durch die Polizei und das unbestimmte Gefühl, dass man sie verdächtigten könnte, etwas mit dem Tod dieser Frau zu tun zu haben. Dabei war es sicher Zufall, dass sie sie als erste fand, in der Gasse, die auf dem kürzesten Weg vom Park, wo sie ihre frühe Mittagspause verbracht hatte, zu ihrer Arbeitsstätte lag. Niemand weiß, wie viele andere Menschen schon an der Leiche vorbei gegangen waren, obwohl wenig Platz dafür war. Man konnte auch erst auf den zweiten Blick sehen, dass sie tot war. Da war kein Blut und keine Verletzung zu sehen. Vielleicht war sie einfach so gestorben. Aber man konnte sie doch auch nicht einfach so liegenlassen.

Nadine hatte die 112 gewählt, wo man aufgrund ihrer Schilderung gleich auch die Polizei verständigte. Beide waren in weniger als zehn Minuten da. Inzwischen hatten sich auf beiden Seiten der Gasse einige Schaulustige eingefunden. Sie hielten zwar einen kleinen Respektabstand, aber einige fotografierten pietätlos mit ihren Handys.

In der Nachschau erschien Nadine alles wie ein Traum. Waren da wirklich Schaulustige gewesen, war die Frau wirklich tot gewesen, hatte sie wirklich mit den beiden Polizeibeamten gesprochen? Was hatte sie gesagt? Sie wusste es nicht mehr.

Sie hatte zu Bett gehen wollen. Nun saß sie seitlich auf der Bettkante, noch vollständig angezogen, und schien nicht in der Lage, etwas anderes zu tun als vor sich hin zu stieren. Schließlich stand sie auf, lief in der Wohnung herum, entschloss sich endlich, sich einen Kräutertee zu machen, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Während das Wasser sich erwärmte nahm sie einen Becher und legte einen Teebeutel hinein. Wie sie da stand und auf das Rauschen des Wasserkochers achtete, spürte sie, wie müde sie war. Sie schaltete den Kocher wieder aus und ging in ihr Schlafzimmer, zog sich schnell aus. Sie legte sich ins Bett, machte das Licht aus und schlief fast unmittelbar darauf ein.

 

Am nächsten Morgen um zwanzig nach sieben, Nadine saß beim Frühstück, klingelte das Telefon. Eine Frau von der Kriminalpolizei wollte sie sprechen und bat sie, wegen einer Zeugenaussage heute um 14:00 auf das Präsidium in der Stadt zu kommen. Vollkommen überwältigt sagte Nadine sofort zu und vergaß zu fragen, worum genau es eigentlich gehe.

Dass ihre Vernehmung etwas mit der Toten von gestern zu tun haben musste, das war ihr klar. Aber von der Fahrt in der Straßenbahn bis zu ihrem Arbeitsplatz, der Park-Apotheke, wälzte sie unablässig Gedanken, was die Polizei sonst noch von ihr wissen wollte. Ihre Personalien und was sie gesehen bzw. nicht gesehen hatte, hatte sie ja bereits gestern zu Protokoll gegeben. Den ganzen Vormittag konnte sie sich nicht konzentrieren und hätte einem Kunden fast das falsche Medikament ausgehändigt.

 

Auf dem Polizeirevier ließ man sie auf dem Gang warten. Es roch nach Reinigungsmitteln und Kaffee. Nach gut einer Viertelstunde kam ein junger Mann auf sie zu und bat sie mit ihm zu kommen. Sie erkannte ihn nicht gleich, aber es war wohl der Beamte mit dem sie gestern schon kurz gesprochen hatte.

Sie folgte ihm in ein kleines Büro an dessen Tür ein Schild mit dem Namen M. Walmuth angebracht war. Kommissar Walmuth war ein Mann von etwa 30 Jahren von sportlicher aber doch leicht untersetzter Figur. Er bat Nadine Platz zu nehmen und bedankte sich bei ihr, dass sie gekommen war.

"Danke auch, dass Sie die Kollegen gestern so schnell verständigt haben. Vielleicht können Sie uns ja nochmal helfen. Sind Sie gestern Morgen gegen 8:00 mit der Straßenbahn in die Stadt gefahren?"

"Ja, das ist die übliche Zeit, zu der ich zur Arbeit fahre."

"Ich zeige Ihnen jetzt ein Foto von der Überwachungskamera der Straßenbahn. - Sind Sie darauf zu sehen?"

Nadines Herzklopfen wurde stärker. "Ja, hier vorne links, das bin wohl ich."

"Und die Person neben Ihnen auf dem Sitz, erkennen Sie die?"

"Das kann sein, dass ich die irgendwo schon mal gesehen habe." Plötzlich ahnte Nadine, wer diese Person war. "Das ist die Tote, nicht wahr?"

Der Kommissar nickte. "Wir haben eine Fahrkarte bei der Frau gefunden, abgestempelt um 8:03, und wir haben uns deshalb das Überwachungsvideo angesehen. Können Sie uns sagen, wo die Frau ausgestiegen ist?"

Nadine konnte es nicht. Ihr war die Frau in der Straßenbahn nicht aufgefallen und ihr gruselte jetzt, dass sie am Morgen noch lebend neben ihr gesessen hatte. "Ist die Frau ermordet worden?" fragte sie mit zitternder Stimme.

"Darüber kann ich jetzt noch nichts sagen. Aber wenn Ihnen noch etwas zu der Sache einfällt, rufen Sie mich bitte an.", und er übergab ihr seine Visitenkarte.

 

Nadine verließ das Präsidium mit weichen Knien. So konnte sie nicht in der Apotheke stehen. Sie machte an einer Eisdiele halt, setzte sich an einen freien Außentisch und bestellte einen Eiskaffee. Die Sonne schien und es war angenehm warm. Die Tote, jetzt kam sie ihr auf einmal richtig bekannt vor. In der Straßenbahn war sie wohl zu sehr in Gedanken gewesen, um sie zu bemerken, aber irgendwo sonst hatte sie sie schon einmal gesehen, sie war sich fast sicher. Wo? - Sie kam nicht drauf.

Als sie ihren Eiskaffee getrunken hatte, fühlte sie sich stärker und ging zu ihrem Arbeitsplatz. Es war nicht viel Betrieb an diesem Nachmittag. Anders als gestern hatte sie nun Zeit und war in der Lage, ihre Erlebnisse ihrem Chef zu erzählen, der sich besorgt erkundigt hatte.

 

Michael Walmuth sah sich die Ergebnisse der Spurensicherung noch einmal an. Kein Blut, keine sichtbaren Verletzungen, keine Gegenstände in der Nähe, nichts deutete auf Fremdeinwirkung hin. War Rebecca Hilfert eines natürlichen Todes gestorben - an einem Herzversagen, wie es der Arzt festgestellt hatte? Natürlich, die Labor- und Obduktionsergebnisse lagen noch nicht vor. Es könnte trotzdem ein komplizierter Fall werden, dachte Walmuth. Komplizierte Fälle reizten ihn. Als nächstes wollte er mit Rebeccas Mann, Daniel Hilfert, sprechen. Heute am frühen Abend wollte er sich auf den Weg machen.

 

Miriam rief an. "Und, wie war es auf dem Polizeipräsidium?" Es war 18:55, Nadine wollte sich gerade etwas zu essen machen. Die Direktheit der Frage verletzte sie ein wenig, aber sie war froh, dass Miriam anrief, dass jemand anrief. Kaum war sie nachhause gekommen, hatte sie es schon schwer gefunden, alleine zu sein. Miriam war eine von zwei guten Freundinnen, eigentlich die beste. Wie sie war sie Single und hatte öfters Zeit, vor allem an Wochenenden. Heute Morgen in der Straßenbahn hatte Nadine sie angerufen und ihr erzählt, dass sie bei der Kriminalpolizei aussagen müsse.

"Stell' dir vor, die tote Frau hat gestern Morgen in der Straßenbahn neben mir gesessen. Sie haben mir ein Foto von der Videoüberwachung gezeigt."

"Das wird ja immer gruseliger.", erwiderte Miriam.

"Und seit heute Nachmittag habe ich ein so komisches Gefühl, die Frau auch vorher schon einmal gesehen zu haben."

"Es gibt schon die seltsamsten Zufälle. Aber das wäre dann doch ein bisschen viel."

"Kann auch sein, dass ich mich irre."

"Das war natürlich auch viel für dich, eine Leiche finden und auf der Polizei aussagen. Waren sie denn dort wenigstens nett?"

"Geht so. Ein Kommissar Walmuth hat mich ausgefragt. Er ist, glaube ich, noch relativ jung, dafür aber ziemlich förmlich."

 

Die Spurensicherung hatte einen Ausweis und ein Handy bei Rebecca Hilfert gefunden. Kommissar Walmuth hatte also ihre bzw. die Adresse ihres Mannes und begab sich am nächsten Tag gegen 18:00 dorthin. Daniel Hilfert öffnete ihm.

"Guten Tag, Herr Hilfert. Mein Name ist Walmuth, ich bin von der Kriminalpolizei und möchte Ihnen ein paar Fragen stellen. Ist das jetzt in Ordnung?"

Daniel bat ihn herein. Zwei Beamtinnen hatten ihn bereits am Tag zuvor besucht und ihm den Tod seiner Frau mitgeteilt. Es hatte Daniel wie ein Schock getroffen: Rebecca, tot in der Fußgängerzone aufgefunden, Todesursache unklar. Jetzt, einen Tag später, war Daniel äußerlich gefasst. "Es ist in Ordnung, wenn Sie mir Fragen stellen." sagte er.

"Gut. Wann haben Sie ihre Frau zum letzten Mal gesehen?"

"Das war gestern Morgen, als ich um viertel nach sieben zur Arbeit gefahren bin. Da war sie noch zu Hause."

"Wissen Sie, wo sie danach hinwollte?"

"Nein. Ich dachte, sie bliebe zu Hause. Es ging ihr nicht so gut. Sie hat in der Nacht fast nicht geschlafen, sagte sie."

"Hat sie über Herzbeschwerden geklagt?"

"Ja, öfters über ein Engegefühl in der Brust. Aber gestern hat sie nicht davon gesprochen. - Sie müssen wissen, Rebecca war depressiv. Früher schon immer mal phasenweise, in den vergangenen Monaten war mal wieder eine solche Phase, vielleicht sogar schlimmer als sonst. Am Montagabend, als ich nach Hause kam, sah sie nicht gut aus, hat aber versucht zu Lächeln. Sie hat sich immer sehr bemüht, zu funktionieren."

"Hat sie Medikamente gegen die Depression genommen?"

"Ja, ein Antidepressivum, seit einigen Wochen. Gerade vor ein paar Tagen war sie wieder beim Psychiater und hat es neu verordnet bekommen."

"Wie heißt ihr Psychiater?"

"Das ist Dr. Fritz in der Leibnitzstraße."

Kommissar Walmuth machte eine Notiz in seinem kleinen Buch.

"Glauben Sie, dass das Medikament zu ihrem Tod geführt haben?", fragte Daniel.

"Auszuschließen ist so etwas nicht. Ich würde die Medikamentenpackung auf jeden Fall gerne mitnehmen. - Wissen Sie, ob Ihre Frau Suizidabsichten hatte?"

"Direkt hat sie nie etwas davon gesagt."

"Aber sie hat Andeutungen gemacht?"

"Sie hat oft gesagt, ich sei alles wofür sie lebe. Sie habe sonst nichts mehr." Daniel schluckte.

"Sie haben keine Kinder?"

"Nein, wir wollten beide keine."

"Hat ihre Frau denn gearbeitet?"

"Ja, als Bibliothekarin in der Stadtbibliothek auf einer halben Stelle. Aber sie ist schon seit Wochen krankgeschrieben."

Wieder machte sich Kommissar Walmuth Notizen.

"Haben Sie denn eine Vorstellung davon, was ihre Frau gestern in der Stadt wollte?"

"Nein. Sie fuhr öfters mal in die Stadt zur Ablenkung, wenn ich weg bin, sagte sie."

"Hatte sie eine Freundin in der Stadt, die sie eventuell besuchen wollen?"

"Nicht in der Stadt, aber hier ganz in der Nähe."

"Haben Sie ihre Adresse?"

"Das ist in der Freibertstraße 18, sie heißt Lisa Orkel. Das ist ihre beste Freundin. Ihre Telefonnummer kann ich ihnen geben."

Kommissar Walmuth notierte Adresse und Nummer. Dann fragte er Daniel, ob seine Frau zuhause einen Computer oder Laptop benutzt habe.

"Ja, sie hat einen Laptop."

"Den würde ich gerne zur Auswertung mitnehmen." bat der Kommissar.

"Ich hole ihn. - Das Passwort weiß ich allerdings nicht."

Kommissar Walmuth packte sein Notizbuch in die Innentasche seiner Lederjacke und nahm den Laptop in Empfang.

"Danke schön. Wir melden uns wieder, wenn wir noch Fragen haben. Wenn Sie uns noch etwas mitteilen wollen, rufen Sie bitte an. Hier ist meine Karte."

 

Es war kühl geworden, als Kommissar Walmuth auf die Straße trat, jedenfalls gegenüber dem Mittag, wo es in der Sonne noch über 20 Grad hatte. Es war ja auch schon Oktober. Als er in seinem Auto saß nahm er sein Notizbuch wieder hervor, las darin und dachte nach. Dann zückte er sein Handy und wählte die Nummer von Lisa Orkel. "Frau Orkel? - Guten Abend. Kommissar Walmuth hier. Es geht um Rebecca Hilfert. Vielleicht haben Sie ja schon gehört, was ihr zugestoßen ist. - Ja. Es tut mir sehr leid. - Können Sie morgen um 10:00 Uhr zu uns ins Präsidium kommen? - Ja, Maisstraße 3. - Danke schön."

 

Am Donnerstagmorgen war im Polizeipräsidium relativ viel Betrieb. Seit sieben Uhr dreißig hatte Kommissar Walmuth an seinem Schreibtisch gesessen, die Akten des Falls Hilfert studiert und an seinem Bericht geschrieben. Rebeccas Laptop befand sich noch in der Auswertung, man hatte ihr relativ kompliziertes Passwort noch nicht geknackt.

Lisa war pünktlich. Kommissar Walmuth empfing sie freundlich und bot ihr an für sie und sich einen Kaffee vom Automaten zu holen. Vielleicht würde es ja ein längeres Gespräch.

"Wie lange kennen Sie Frau Hilfert schon?"

"Das können jetzt etwa sieben Jahre sein. Das war nachdem ich hierher gezogen bin. Da habe ich eine Kleinanzeige aufgegeben 'Wanderpartnerin gesucht', und Rebecca hat sich gleich gemeldet."

"Sie sind also öfters zusammen wandern gegangen?"

"Früher im Herbst fast jede Woche. Im letzten Jahr fiel es Rebecca dann immer schwerer. Wir haben uns dann oft spontan zum Spazierengehen getroffen. Aber auch das wurde immer weniger und hat vor zwei Monaten aufgehört. Rebecca sagte sie sei zu schwach und würde immer schwächer."

"Haben Sie sie zu Hause besucht?"

"Ja. Wir hatten einen festen Termin am Mittwochnachmittag, wo wir uns abwechselnd gegenseitig besucht haben. In den letzten drei Wochen ist auch der ausgefallen. Wir haben nur noch telefoniert."

"Hatten Sie den Eindruck, dass Rebecca sich zurückzog?"

"Ja. Es ging ihr einfach immer schlechter. Rebecca war verzweifelt und verwirrt und verängstigt. Sie fühlte sich von allem Möglichen bedroht. Und sie dachte, es könne sie keiner mehr lieben. Dabei wollten wir ihr alle helfen, ihr Mann und ich. Sie hat erzählt, dass er eine Liste von Psychotherapeuten für sie angerufen hat, aber die kürzeste Wartezeit waren vier Monate."

"Sie war bei einem Psychiater in Behandlung."

"Der hat ihr bloß Medikamente verschrieben und gesagt, sie müsse Geduld haben. Die Medikamente wollte sie zuerst gar nicht nehmen. Aber ihr Mann hat sie dazu gedrängt, sagte sie. Sie wollte es ja auch immer recht machen für ihn. Sie hatte Angst, seine Liebe zu verlieren."

"Hatten Sie Kontakt zu Herrn Hilfert?"

"Nicht sehr umfangreich. Wenn ich Rebecca anrief war er manchmal am Telefon, dann haben uns kurz unterhalten, aber eher über Belangloses. Rebecca hat öfters über ihn gesprochen, wie er sich bemüht ihr zu helfen, wie er aber wegen seines Berufs zu wenig Zeit dafür hat. "

"Wann hatten Sie den letzten Kontakt mit Frau Hilfert?"

"Das war am Montagmittag am Telefon. Und das war ein schwieriges Gespräch. Rebecca klang verzweifelt, wollte aber keine Hilfe annehmen und niemanden sehen. Sie schien gar nicht richtig zuzuhören, ich konnte sie irgendwie nicht mehr erreichen. Zum Schluss sagte sie nur noch 'Ich kann nicht weinen.', und dann war Stille. Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, aber was sollte ich tun?"

"Hatten Sie den Eindruck, dass sie sich das Leben nehmen wollte?"

"Nicht unbedingt. Obwohl ich daran dachte. Sie hat aber immer gesagt, sie wolle durchhalten, sie wolle kämpfen. - Glauben Sie denn, es war Selbstmord?"

"Das können wir noch nicht sagen."

"Es ist so schlimm, dass das mit Rebecca passiert ist. Wir waren so eng befreundet, und jetzt am Ende kam man praktisch nicht mehr an sie ran. Das ist tragisch. Und man ist so hilflos."

"Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, Frau Orkel. Das hat uns weiter geholfen."

 

Für den Freitagvormittag hatte sich Kommissar Walmuth zu einer Vernehmung in der Praxis von Dr. Fritz angemeldet. Er und Dr. Fritz saßen sich im Sprechzimmer für Privatpatienten gegenüber.

"Wie lange war Frau Hilfert schon bei Ihnen in Behandlung?"

"Vor gut acht Wochen hatte sie ihren ersten Termin. Letzte Woche dann ihren zweiten."

"Welche Beschwerden hatte sie?"

"Sie klagte über Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit, Rastlosigkeit, Ängste. Auch über viele körperliche Phänomene: Schmerzen in der Brust und häufig auch in den Gliedern, Ohrgeräusche. All das deutet auf eine mittelschwere bis schwere Depression. Sie sagte allerdings, sie habe keine Suizidgedanken. Ich habe ihr ein wirksames Antidepressivum verordnet. Es hat nicht gleich angeschlagen, was normal ist. Oft dauert es mehrere Wochen, bis ein Effekt eintritt."

"Welches Medikament war das denn und in welcher Dosierung?"

"Venlafaxin, 75mg als Tagesdosis."

Kommissar Walmuth notierte sich die Angaben. "Wir haben eine Packung Venlafaxin mit 150mg Stärke bei Frau Hilfert gefunden. Können Sie das erklären?"

"Nein," Dr. Fritz öffnete die Krankenakte, die vor ihm lag, "Hier können Sie meine Verordnung sehen, Venlafaxin 75mg, das ist auch genauso herausgegangen an den Rezeptdrucker."

"Ist dieses Antidepressivum gefährlich?"

"Normalerweise wird es gut vertragen. Es hat zwar eine Reihe von unerwünschten Wirkungen, aber die sind selten."

"Können die unerwünschten Wirkung auch den Tod bedeuten."

"Theoretisch ja, das ist natürlich auch von der Dosis abhängig, aber es ist sehr selten." Dr. Fritz verschränkte die Hände vor der Brust.

"War Frau Hilfert am Dienstagmorgen in Ihrer Praxis?"

"Am Dienstagmorgen? - Ja. Sie ist ohne Termin gekommen, da muss man ein bisschen warten. Sie hat dann aber wohl nicht warten wollen und ist wieder gegangen."

"Wie lange war sie hier?"

"Das weiß ich nicht. Aber vermutlich kann Frau Reißmüller, meine Sprechstundenhilfe, Ihnen das Auskunft geben."

"Können Sie Frau Reißmüller zu uns bitten?"

Dr. Fritz stand auf, öffnete die Sprechzimmertür und sagte zur Anmeldung gewandt: "Frau Reißmüller, kommen Sie doch bitte einen Moment zu uns."

Frau Reißmüller nahm neben Kommissar Walmuth auf dem zweiten Patientenstuhl Platz.

"Frau Reißmüller, Sie haben am Dienstagvormittag die Patientin Hilfert empfangen. Wann war das und in welcher Verfassung war sie?"

"Das war kurz vor neun. Sie stand schon vor der Tür, als wir aufgemacht haben. Frau Hilfert war sehr nervös und sie zitterte. Das ist aber kein ungewöhnlicher Zustand bei unseren Patienten. Als ich ihr sagte, sie müsse warten, stöhnte sie, akzeptierte es aber."

"Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?"

"Naja, Frau Hilfert ist während des Wartens drei- oder viermal zur Toilette gegangen. Vielleicht aus Nervosität."

"Wie lange hat sie sich in der Praxis aufgehalten?"

"Als sie ging, war es etwa halb elf, also etwa eineinhalb Stunden. - Sie ist wortlos an der Anmeldung vorbei nach draußen gestürmt."

"Gut, danke schön, das war's fürs erste. Wenn ich noch Fragen habe, werde ich mich wieder an Sie wenden."

Kommissar Walmuth verließ die Arztpraxis mit drei frisch gefüllten Seiten in seinem Notizbuch.

 

Um kurz nach 19:00 klingelte das Mobiltelefon des Kommissars in seiner Wohnung.

"Nadine Fühler hier. Guten Abend Herr Walmuth. Sie sagten doch, ich solle anrufen, wenn mir noch etwas einfällt. Jetzt ist mir etwas eingefallen, nämlich wo ich die Tote schon einmal gesehen habe."

"Und das wäre?"

"Sie war bei uns in der Apotheke, zusammen mit einem Mann, und hat ein Rezept bei meinem Chef eingelöst. Ich stand genau daneben und habe einen anderen Kunden bedient."

"Wann war das?"

"Am vergangenen Samstag muss das gewesen sein."

"Was können Sie über den Mann sagen?"

"Er stand im Hintergrund, ich habe ihn nicht genau angesehen. Aber sie sind zusammen rausgegangen, und er hat sie dabei am Arm gefasst."

"Würden Sie den Mann vielleicht wiedererkennen?"

"Ich bin mir nicht sicher."

"Ich komme morgen bei Ihnen in der Apotheke vorbei und zeige Ihnen und ihrem Chef ein Foto."

Gleich nachdem er aufgelegt hatte, griff Kommissar Walmuth erneut zum Telefon und bestellte sich die Nummer 312 im Asia-TakeAway. Er hatte den ganzen Tag bis auf drei Müsliriegel nichts gegessen. Manchmal wäre es schön, wenn zu Hause ein Essen auf einen warten würde, dachte er und schenkte sich schon mal einen Weißwein ein.

 

Gegen 11:30 am Samstag betrat Kommissar Walmuth die Park-Apotheke. Heute zeigte sich der Oktober von seiner unfreundlichen Seite. Es regnete. Seine Haare hingen ihm in Strähnen in die Stirn und seine braune Lederjacke zeigte große dunkle Wasserflecke auf den Schultern. Aus der Innentasche zückte er zwei Fotos. Es waren Aufnahmen von Daniel Hilfert, von Rebeccas Handy ausgedruckt. Nadine und ihr Chef standen dem Kommissar in einem Hinterzimmer der Apotheke gegenüber. Nadine war wieder nervös, aber dieses Mal beruhigte sie sich gleich ein wenig, als sie Michael Walmuth sah. So derangiert erschien er ihr weniger respekteinflößend.

"Könnte es dieser Mann gewesen sein, den Sie am vergangenen Samstag hier bedient haben?"

Nadine schaute auf die Fotos. "Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich war ja mit einem anderen Kunden beschäftigt. Aber es könnte schon er sein, von der Statur und vom Alter her."

Sie reichte die Fotos weiter an ihren Chef. "Das kann sein.", sagte der, "Er stand ein kleines Stück hinter der Kundin. Ich habe nur ein-, zweimal kurz hingeschaut."

"Gut.", sagte Kommissar Walmuth. "Haben Sie eine Kopie des Rezepts, das Rebecca Hilfert eingereicht hat?"

"Keine eins zu eins Kopie, aber wir haben die Rezeptdaten im Computer. Ich kann sie Ihnen ausdrucken, wenn sie möchten.", sagte der Apotheker.

Kommissar Walmuth steckte den Ausdruck zu den Fotos in die Innentasche seiner Jacke, bedankte sich und wünschte noch einen angenehmen Tag.

 

Im Präsidium angekommen verglich Kommissar Walmuth den Rezeptausdruck mit den Medikamenten, die er von Rebecca Hilfert mitgenommen hat: Venlafaxin 75mg verordnet - Venlafaxin 150mg in der Packung. - Rebecca Hilfert hatte die doppelte Stärke des Antidepressivums zu Hause gehabt. Ein Fehler der Apotheke? Das war sehr naheliegend.

Kommissar Walmuth rief gleich dort an. Nadine war am Apparat. "Kann es sein, dass an Frau Hilfert am vergangenen Samstag Venlafaxin in der falschen Dosierung ausgegeben wurde."

"Da muss ich meinen Chef fragen."

"Bitte geben Sie mir ihn ans Telefon."

"Einen Moment, er bedient gerade eine Kundin."

Mit dem Vorwurf, ein Medikament in der falschen Wirkungsstärke herausgegeben zu haben konfrontiert, meinte Nadines Chef so etwas dürfe auf keinen Fall passieren. Er überprüfte sofort die elektronischen Kassenabrechnungen und stellte jedoch fest, dass es tatsächlich passiert war. Venlafaxin 150mg war eingescannt und ausgegeben worden. Er war entsetzt.

 

Am späten Nachmittag desselben Tages hatte man das Passwort von Rebeccas Laptop geknackt. Man sah sich die zuletzt gespeicherten Dateien an und entdeckte gleich eine Tagebuchdatei, zuletzt gespeichert am 8.10., dem Tag ihres Todes.

Kommissar Walmuth studierte die Einträge der letzten zehn Tage.

 

Montag, 30. 9. 2:37

Ich kann nicht einschlafen, obwohl ich vollkommen erschöpft bin. Mein ganzer Körper brennt und Wellen von Schmerzen ziehen durch. Ich bin sehr nervös, kann gar nicht richtig denken. Jeder kleine Gedanke hat einen Nachhall und manchmal schaukelt sich der Hall auf. Ich glaube, ich werde verrückt.

 

Dienstag, der 1.10.

Die Nacht war wieder voller quälender Gedanken und voller Unruhe. Ich glaube ich habe, wenn überhaupt, eine Stunde geschlafen. Ich konnte nicht liegen, bin x-Mal aufgestanden und herumgelaufen, obwohl ich so schwach war. Es ist ein Martyrium.
Heute kann ich auch wieder nichts Vernünftiges tun, kann nicht einmal lesen, kann kaum Tagebuch schreiben. In mir wallt immer wieder Angst auf. Aber wovor?

 

Mittwoch, 2.10.

Die Angst ist wieder da, ich bin gleich mit ihr aufgewacht. Hatte regelrecht Angst aufzustehen, glaubte nicht daran, dass ich auf zwei Beinen sicher stehen kann. Alles ist unsicher. Ich bin auch so schwach, dass ich mich nicht bewegen will, aber ich halte die Unruhe nicht aus, kann kaum einen Satz schreiben ohne dazwischen aufzustehen. Halte mich fest am Schreiben.
Ich muss wieder zur Ruhe kommen, zur Besinnung. So soll mich kein Mensch sehen, auch Daniel nicht. Jetzt dusche ich wieder und dann schminke ich mich.

 

Donnerstag, 3.10.

Heute war mein Termin bei Dr. Fritz. Ich konnte kaum etwas sagen, nur dass es schlimmer geworden ist. Er hat immer wieder gesagt, ich müsse Geduld haben bis die Medikamente wirken und hat mir ein neues Rezept ausgestellt. Er hat auch eine Psychotherapie vorgeschlagen, aber gleichzeitig gemeint ich sei in meinem jetzigen Zustand vermutlich nicht dazu in der Lage. Das Schlimmste bei ihm war, im Wartezimmer warten zu müssen. Ich bin so unruhig, dass ich keine drei Minuten sitzen kann. Etwas lesen geht auch nicht mehr. Immer wieder bin ich aufgestanden und im Gang herumgelaufen. Das hat mich und die anderen Patienten verrückt gemacht.

 

Samstag, 5.10.

Daniel sagt, ich soll mein Rezept unbedingt einlösen und mein Medikament weiter nehmen. Er will mit mir zusammen in die Stadt zur Apotheke fahren. Wir wollen dann etwas essen gehen. Mir geht es immer noch schlecht, eigentlich will ich nicht unter Menschen. Er hat gesagt, er liebt mich und will haben, dass es mir besser geht. Ich habe nur ihn, aber ich habe meine Gefühle verloren. Ich suche in mir und finde nichts mehr. Ich habe Angst, dass ich ihn nicht mehr liebe.

 

Sonntag, 6.10.

Ich weiß nicht wohin. Den ganzen Tag schon treibt mich meine Unruhe ziellos an. Und immer wieder habe ich plötzlich Angst. Meine Umwelt bedroht mich. Die Sonne, die herauskommt, die Wolken, die vor sie ziehen, die Bäume und Büsche am Wegrand, der Weg selber. Und plötzlich habe ich auch Angst vor mir selber, Angst, dass ich mich verletzen will, dass ich mich töten will.

 

Montag, 7.10.

Habe brav meine Medikamente genommen. Es nützt nichts, es geht mir eher schlechter. Bin herumgelaufen durch die Straßen bis ich nicht mehr konnte. Habe Schmerzen im ganzen Körper. In meinem Kopf dröhnen verzerrte Töne. Mein Puls rast, will gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Mir ist heiß und kalt, irgendwie fiebrig. Bin das noch ich, der das alles erlebt?

 

Dienstag, 8.10. 5:30

Daniel schläft und ich halte es nicht mehr aus. Ich bin im Haus herumgelaufen und draußen. Ich bin zum Zerbersten unruhig, mir ist heiß, ich schwitze vor Unruhe, es reißt in meinem Kopf, mein Magen und Darm sind komplett durcheinander, ich kann nicht mehr aufhören zu zittern. Ich muss das beenden, ich muss irgendetwas tun.
Ich habe zwei Venlafaxin genommen, glaube nicht daran, aber weiß nichts anderes zu tun. Vielleicht hilft es ja doch, ich habe nichts mehr zu verlieren. Vielleicht schaffe ich es später zum Psychiater, vielleicht kann er mir doch helfen, vielleicht mit einem anderen Medikament. Es muss doch etwas gegen meinen Zustand geben.

 

Nach dieser Lektüre lehnte sich Kommissar Walmuth zurück und dachte einen Moment nach. Dann schrieb er weiter an seinem Bericht:

 

Am frühen Morgen des 8.10. hat Rebecca Hilfert in ihrem Tagebuch über Unruhe, Schwitzen, Kopfschmerzen und Magen- und Darmstörungen geklagt. Sie schrieb, zwei Kapseln von ihrem Antidepressivum Venlafaxin genommen zu haben, weil sie sich in ihrer Verzweiflung davon Besserung versprach. Sie bemerkte weiterhin, dass sie am Morgen vielleicht wieder bei ihrem Psychiater vorsprechen wolle.

Frau Hilfert hat vermutlich kurz vor 8:00 Uhr die Wohnung verlassen und ist an der Haltestelle Weilbachstraße in die Straßenbahn eingestiegen und in die Innenstadt gefahren. Dort hat sie gewartet, bis um 9:00 die psychiatrische Praxis von Dr. Fritz aufmachte. Frau Hilfert zeigte hier bereits typische Symptome des Serotonin-Syndroms wie Unruhe, starkes Schwitzen und Zittern. Die Sprechstundenhilfe, Frau Reißmüller, gab an, solches bei der Patientin bemerkt zu haben. In der Praxis hat Frau Hilfert ca. eineinhalb Stunden auf die Behandlung gewartet. In dieser Zeit hat sie, nach Angaben der Sprechstundenhilfe, mehrfach die Toilette besucht. Noch bevor sie an der Reihe war, hat sie die Praxis überstürzt verlassen.

Wo Frau Hilfert die Zeit bis zum Todeszeitpunkt gegen 12:00 Uhr verbrachte, ist nicht mit Sicherheit feststellbar. Wahrscheinlich ist allerdings, dass sie sich Stadtpark aufgehalten hat. Am dortigen Brunnen hat sie sich nicht lange vor ihrem Tod das Gesicht gewaschen oder gekühlt. Zuvor hatte sie sich übergeben. Im Gesicht, in den Haaren und an den Händen wurden Spuren von den Algen des Brunnenwassers gefunden, an Schuhen und Jeans kleine Reste von Erbrochenem.

Der Fundort von Frau Hilferts Leiche liegt auf dem direkten Weg vom Stadtpark zur Park-Apotheke und nicht weit von letzterer entfernt. Es kann vermutet werden, dass sie sich dort Hilfe holen wollte.

In der Rudolfsgasse ist Frau Hilfert an einer Hauswand zusammengesackt. Wenig später starb sie an akutem Herzversagen.

Ursache des Herzversagens war mit hoher Sicherheit das sogenannte Serotonin-Syndrom. Ein entsprechend hoher Serotoninspiegel ist im Serum nachgewiesen. Herbeigeführt wurde das Syndrom durch eine Überdosierung des Antidepressivum Venlafaxin. Diese Überdosierung kam zustande weil Frau Hilfert zum einem in der Park-Apotheke das Medikament versehentlich in der doppelten Wirkungsstärke erhalten hatte und zum anderen, weil sie wegen ihrer Beschwerden die doppelte Dosis eingenommen hatte. Eine Suizidabsicht war, wie vor allem aus Frau Hilferts Tagebuch ersichtlich ist, mit der Einnahme dieses Medikamentes nicht verbunden. Frau Hilferts Tod war demnach einer Verkettung unglücklicher Umstände geschuldet.

 

Michael Walmuth verbrachte einen ruhigen Sonntag zu Hause. Am Morgen schlief er lang und frühstückte ausgiebig, am Nachmittag hörte er klassische Musik, die half ihm, den Kopf frei zu bekommen, und abends schaute er sich den Tatort im Fernsehen an.

 

Am Montagmittag aß er in der Kantine zu Mittag und machte danach einen Spaziergang durch den Stadtpark. Natürlich dachte er dabei an den Fall Hilfert. Ganz abgeschlossen war er noch nicht, es musste noch die Schuld des Apothekers geklärt werden. Mit diesen Gedanken ging er vor sich hin, als er auf einer Bank am Rande seines Weges Nadine Fühler entdeckte. Er erkannte sie im letzten Moment, fast wäre er schon vorbeigegangen.

"Hallo Frau Fühler. Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

Nadine packt die Plastikbox mit ihrem Mittagessen neben ihr weg. "Bitte sehr."

"Wie geht es ihnen? Haben Sie sich von der ganzen Aufregung erholt?"

"Danke, es geht schon wieder."

"Ich habe gerade an ihren Chef gedacht. Es ist noch nicht geklärt, ob die Herausgabe des falschen Medikaments für ihn Konsequenzen haben wird, und wenn ja, welche. Auf mich hat er einen sehr zuverlässigen Eindruck gemacht"

"Das ist er auch, ganz bestimmt.", sagte Nadine. "Er hat allerdings seit einiger Zeit Probleme mit seiner Tochter. Er befürchtet, dass sie benzodiazepinabhängig ist und aus der Apotheke Medikamente entwendet hat."

"Das wäre dann noch ein Fall für die Polizei."

"Ich glaube, er würde seine Tochter niemals anzeigen. - Aber das hätte ich ihnen alles gar nicht erzählen dürfen. Bitte sagen Sie es nicht weiter."

"Keine Sorge, das bleibt unter uns, Frau Fühler."

Es entstand eine kleine Pause.

"Ist es denn jetzt klar, wie die Tote in der Gasse gestorben ist?", fragte Nadine.

"Die Medikamentenüberdosierung hat wohl tatsächlich das Serotonin-Syndrom ausgelöst, das dann zum Herzstillstand führte. Das kennen Sie wahrscheinlich aus ihrer pharmakologischen Ausbildung."

"Oh je, da muss sie vorher sehr gelitten haben. - Und niemand hat es bemerkt und ihr geholfen!"

"Sie war vielleicht auf dem Weg zu Ihrer Apotheke, als sie starb."

Nadine schwieg betroffen, und erneut trat eine kleine Pause ein. Dann fragte der Kommissar: "Verbringen Sie ihre Mittagspause immer hier?"

"Ja, fast immer."

"Haben Sie noch Zeit und Lust auf einen Kaffee nach ihrem Mittagessen?"

"Einfach so?" entfuhr es Nadine, und dann sagte sie "Ein wenig Zeit habe ich schon noch."