Fast

Es war eine helle, klare, fast tropische Sommernacht im Juli. Der Mond war fast voll und selbst von der Stadt aus konnte man einen verzauberten, tausendfach sternenbesetzten Himmel betrachten. Wie schön musste es da erst auf dem Schauinsland sein, wo die Lichter der Stadt den Blick in die Weiten des Himmels nicht mehr stören, wo man vielleicht eine Sternschnuppe sehen und man sich etwas wünschen kann.

Sie standen draußen vor dem Gebäude, in dem sich die Schreibgruppe getroffen hatten, um zwei Texte zu besprechen. Einer der Texte war ein Gedicht über eine einsame Winterlinde im Nebel (das Sujet passte offensichtlich nicht so recht zu diesem Abend), und einer war ein Stück aus einem unvollendetem Roman, in dem zwei Figuren in Beziehungsstreit gerieten. Über den Streit sprach die Gruppe immer noch. Braucht man mehr Hintergrund um den Ausbruch des Streits zu verstehen, und welche Person hatte die überzeugenderen Argumente? Nur unbewusst nahmen die meisten von ihnen die Lauheit der Nacht und den Glanz des Mondes über ihnen wahr. Es war fast 22:30, als die Gruppe sich schließlich in Bewegung setzte.

Mathias hatte mit den anderen zusammen gestanden und mehr oder wenig unbeteiligt zugehört. Auf ihn übten Mond und Sterne und milde Luft heute ein Gefühl der Unruhe, ja Rastlosigkeit aus, ein Gefühl, so als ob irgendetwas heute noch passieren müsse. Die Gruppe war dabei, sich aufzulösen, da überkam Mathias plötzlich Mut. Er sah Lara, wie sie ein paar Meter vor ihm ging, schloss zu ihr auf und sagte: 'Schau dir diesen Himmel an. Ist das nicht fantastisch? Wie wär's wenn wir auf den Schauinsland fahren würden, da kann man ihn noch besser sehen?' Zu seiner Überraschung überlegte sie nicht lange, sondern willigte ein. Zusammen gingen sie zu der Stelle, wo er sein Auto geparkt hatte. Er schloss auf und wortlos stiegen sie ein.

Auf den Stadtstraßen war noch ein wenig Betrieb, aber nicht so viel, dass er sich wirklich auf den Verkehr konzentrieren musste. Er war jedoch nervös und überkonzentriert, wollte aber souverän erscheinen. An einer Kreuzung hätte er als Linksabbieger einem Geradeausfahrenden fast die Vorfahrt genommen. Dann waren sie auf der unbebauten Straßenabschnitt nach Günterstal. Die Straßenbeleuchtung wurde weniger. Langsam wurde ihm bewusst, dass er zum ersten Mal mit Lara alleine war. Wäre es angebracht, jetzt etwas Romantisches zu sagen? Er war doch immer gut darin gewesen, früher. Jetzt kam ihm alles, was ihm einfiel, zu platt und banal vor. Die Situation schien eine besondere, fast feierliche. Auch Lara sagte nichts. Ganz kurz schaute er sie von der Seite an. Sie saß aufrecht im Sitz und mit angehobenem Kopf ging ihr Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe. Wartete sie darauf, dass er die Initiative ergriff. Er konnte einfach nicht, er war aufgeregt und innerlich blockiert.

Langsam stieg die Straße an, beschienen nur noch vom Mondlicht und den Scheinwerfern. Links und rechts rückten die Bäume heran. Bald kamen die ersten Serpentinen. Das half, denn nun musste er sich wieder auf das Fahren konzentrieren. Er schaltete und lenkte. Sein Kopf war merkwürdig leer. Einmal wagte er zwischen den Kurven einen weiteren schnellen Blick zu ihr herüber: ein unbewegtes Abbild, wie eine Göttin.

Es war still, nur der Motor brummte je nach Strecke in unterschiedlichen Tonhöhen. Gut zur Hälfte waren sie bereits oben, als ihm doch noch etwas einfiel zu sagen: 'Du bist übernächstes Mal mit deinem Text dran.' stellte er fest. 'Ja', sagte sie, 'er ist auch noch nicht fertig, ich muss noch daran arbeiten.' Ihre Stimme klang sanft, sanfter als sonst.

'Aha', sagte er, schaltete noch einmal zurück und lenkte das Auto in eine steile Rechtskurve.

'Und um was geht es in dem Text?', fragte er. 'Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Es ist im Prinzip ein Tag im Leben eines jungen Mannes.' 'Aha.'

Im nächsten Abschnitt warfen die Bäume einen Mondschatten auf die Fahrbahn. Mathias fuhr instinktiv langsamer, so, als wollte er jetzt überhaupt nicht mehr ankommen, denn er wusste nicht, was er dann tun sollte.

Doch dann waren sie oben auf den Parkplätzen an der Straße. Sie waren fast alle leer. Mathias stellte das Auto ab und stieg gleich aus. Sollte er jetzt Lara die Tür aufhalten? Aber Lara hatte sie bereits geöffnet und stieg langsam aus. Sie machte eine gute Figur dabei, Mathias mochte es, wie sie sich bewegte.

'Gehen wir zum Turm.', sagte er, seine Stimme klang tonlos. Sie folgte ihm.

Der Mond schien hell, keine Wolke trübte sein Licht. Sie gingen an den schiefen Windbuchen vorbei. Kein Mensch war zu sehen. Mathias ging vor, Lara blieb einen kleinen Schritt zurück. 'Ich muss jetzt etwas sagen', dachte Mathias, aber wieder fiel ihm nichts ein und sie gingen sprachlos hintereinander. Mathias zermarterte sein Hirn und schaute auf den Boden. Lara blieb im kleinen Abstand.

Auf dem Plateau vor dem Turm blieben sie stehen. Wie eine riesige Bühne leuchtete der Mond die Fläche aus. Lara und Mathias standen einsam in der Mitte, fern von jeglichem Souffleur, der ihnen half, nun die richtigen Worte zu finden.

Mathias vermied Laras Blick, stattdessen blickte er nach oben. 'Kennst du dich aus mit Sternbildern?', fragte er schließlich.

'Ich kenne nur den großen Wagen.' antwortete sie.

Dazu fiel ihm etwas ein: 'Ja, das wissen viele nicht, dass der große Wagen gar kein eigenständiges Sternbild ist. Er ist nur ein Asterismus, das heißt ein Teilsternbild, nämlich des Ursus Major, des großen Bären. Der besteht aus 19 Sternen, und der große Wagen sind nur sieben davon, wenn auch die hellsten...'

'Aha', sagte sie.

'Wusstest du, dass man mithilfe des großen Wagens leicht den Polarstern bestimmen kann? Da nimmt man die beiden Sterne auf der rechten Seite des Wagens und verlängert den Abstand zwischen ihnen um das fünffache nach oben. Und dann ist man schon beim Polarstern. Die beiden Sterne heißen deshalb auch Polweiser, weil sie eben...' Er verstummte als er merkte, dass sie ihn anschaute.

Ja, sie schaute ihn an, ganz ruhig, und das Mondlicht glänzte in ihren dunklen Augen. Nun fiel ihm auf, dass er während seiner Erklärungen vermutlich kein einziges mal in den Himmel geschaut hatte, auch nicht auf sie, sondern vielmehr auf den Boden.

'Lass' uns mal den großen Wagen finden.' schlug sie vor und trat einen halben Schritt näher an ihn heran. Ihre Schulter berührte nun fast die seine.

'Da, das ist er!', sie zeigte schräg nach oben. 'Ja, das ist er.' erwiderte er. Sie schaute ihn wieder an. Aber sein Blick blieb wie gefesselt nach oben gerichtet. Er hatte den Polarstern gefunden und es kam ihm vor, als ob er nun die langsame Drehung aller Sterne und Sternbilder um den Polarstern beobachten konnte. Zunächst ganz leise aber dann doch deutlich vernehmbar war aus dem Sternbild des Herkules tief aus dem All der sanfte Ton eines Cellos zu hören. Mehrere leise funkelnde Geigen mischten sich von überall aus dem Himmelsgewölbe kommend ein. Bald glitzerten Glöckchenklänge dazu und aus dem Sternbild des Schwan ertönte schließlich ein erhebender harmonischer Gesang. Das alles war gleichsam erregend wie erhebend, und es ließ sein Herz höher schlagen. Immer höher und tiefer schien das Himmelsgewölbe zu werden und Mathias fühlte sich gleichsam zu den Sternen emporgehoben. Er fühlte auch, wie Laras Schulter nun die seine leicht berührte, und er entschloss sich, sie auf das Sternenkarussell mitzunehmen, das sich immer majestätischer drehte zu einer himmlischen Musik, die von überall zu kommen schien. So standen sie da, wie berauscht, und lauschten. Hoch über ihren Köpfen hinweg schießt eine Sternschnuppe durchs All, aber keiner von den beiden hat sie gesehen.

Sie standen, Schulter an Schulter, bis Lara bemerkte, dass es kühler geworden sei. Einen Moment überlegte Mathias, ob er nun seinen Arm um sie legen sollte, entschied dann aber, dass er den Moment verpasst habe und es jetzt dazu zu spät sei. So gingen sie wortlos nebeneinander her zurück zum Auto und stiegen ein. Mathias setzte das Auto in Bewegung, den Berg hinunter. Lara saß neben ihm, schaute aus dem Fenster und summte leise vor sich hin. Mathias gefiel das und er empfand nun eine warme, sanfte Liebe für sie. Immer noch schien der fast volle Mond.

Die Rücklichter bewegten sich langsam den Berg hinab, blinkten einige Male zwischen den Bäumen auf und verschwanden nach einer Kurve. 'Was auch immer ich heute verpasst habe', dachte Mathias melancholisch, 'es ist auf jeden Fall eine gute Idee für einen Text für die Schreibgruppe.'