Gezeitenwechsel

Es war Flut, das heißt der Strand war gut hundert Meter weniger breit als bei Ebbe. Die Sandbollwerke und -festungen, die Kinder mit ihren Vätern gegen das herannahende Meer gebaut hatten, waren bereits geschleift. Jetzt warfen sich viele Kinder jauchzend in die heranbrausenden Wellen.

Ich war neun und würde in diesem Sommer zehn werden. Zusammen mit meinem Vater und meiner Mutter und meiner großen Schwester machte ich Urlaub in Zoutelande. Jeden Morgen zogen wir mit dem mit Strandutensilien beladenen Bollerwagen von unserem kleinen Ferienhäuschen zwischen den hohen Dünen durch zum Strand. Meine Schwester liebte es, stundenlang auf ihrer grünen Krokodilmatratze zu liegen, entweder am Strand oder auch auf dem Meer treibend. Ich schwamm lieber oder spazierte den endlos langen Strand entlang.

In den letzten Tagen war der Seegang schwach gewesen, aber heute Morgen war er, mit etwas Wind, deutlich stärker. Ich genoss es daher besonders, mich vom Ufer aus in die heranbrausenden Wellen zu werfen. Gerne wäre ich auch ein wenig auf das Meer hinaus geschwommen, ich war eine gute Schwimmerin, aber meine Eltern hatten es mir alleine verboten, weiter als ein paar Meter heraus zu schwimmen. So verging der Vormittag.

Am Nachmittag war die Verlockung des Meeres so groß geworden, dass ich wieder mal meinen Vater bat:"Vati, schwimmst du mit mir ein Stück raus?" "Ok, meine Wilde", sagte mein Vater, legte sein Buch zur Seite, stand aus dem Liegestuhl auf und fasste mich an der Schulter. "Los geht's!" und schon liefen wir dem Meer entgegen. Anders als meine Schwester mussten mein Vater und ich uns nicht erst lange nass machen, wenn wir ins Meer stiegen, wir sprangen einfach hinein. Ich konnte sehr gut kraulen und so schwamm ich mit schnellen Zügen neben meinem Vater und tauchte durch manche Wellen hinaus aufs Meer. Bald hatten wir schon die Hälfte der Länge der Wellenbrecherreihen aus Pfählen und Steinen hinter uns. Immer noch war ich kein bisschen müde und schwamm weiter. Wir waren etwa 300 Meter vom Strand entfernt, als mein Vater sagte "Das reicht jetzt. Wir brauchen auch noch Kraft zum Zurückschwimmen." "Noch ein bisschen!" rief ich und setzte mich durch. Ein kleines Stück schwammen wir noch weiter. Dann hatte auch ich genug und wir drehten beide um.

Ein wenig müde war ich jetzt schon, ich ging zum Brustschwimmen über. Auch mein Vater schien etwas erschöpft. Ohne etwas zu sagen schwamm er kurz hinter mir. Obwohl wir so langsam gar nicht schwammen, schien das Ufer nicht näher zu kommen. Wir hatten das Gefühl, auf der Stelle zu bleiben. "Wir müssen kräftiger schwimmen." sagte mein Vater, "Die Ebbe hat eingesetzt und zieht uns zurück."

Ich schwamm schneller, schon fast so schnell wie ich konnte. Jetzt musste das Ufer doch näher kommen. Nach kurzer Zeit merkte ich, dass mein Vater zurück blieb. "Vati", rief ich "du musst schneller schwimmen." Er rief:"Es geht nicht, meine Liebe. Ich habe einen Krampf im Bein. Schwimm du einfach so schnell du kannst auf den Strand zu. Ich komm schon nach."

"Nein, Vati, ich bleibe bei dir." Ich ließ mich ein wenig zurückfallen, aber schaute gleichzeitig auf die Uferlinie. Nichts besonderes war da zu sehen, ein paar kleine Kinder spielten mit Schaufel und Eimer im nassen Brandungsbereich. Die Wellen waren viel kleiner geworden, niemand mehr da, der sich in die Brandung werfen konnte. Ganz hinten bei den Dünen konnte ich meine Mutter und meine Schwester erahnen. Ein. zwei Minuten schwamm ich stumm neben meinem Vater her und taxierte dabei unseren Abstand vom Strand. Er schien nicht kleiner zu werden.

"Vati, du musst schneller schwimmen!" rief ich wieder. Plötzlich hatte ich Angst. Ich erkannte, ich musste meinen Vater retten. Aber mein Vater war viel größer als ich, wie konnte das gehen? Wie sollte ich mit ihm so schnell schwimmen können, dass wir dem Sog der Ebbe entkämen? - Ich musste Hilfe herbeirufen.

Aber wie, und wer sollte kommen? Der Hochsitz mit der Strandaufsicht war in einem anderen Strandabschnitt hunderte Meter entfernt. Egal, ich warf beide Arme in die Luft und schrie "Hilfe!" und gleich nochmal "Hilfe!". Nichts am Strand regte sich. Da schrie ich ein drittes Mal. Nun standen zwei Jugendliche auf und gingen zum Rand des Wassers. Ich gestikulierte noch wilder mit den Armen und rief erneut. Sie liefen schnell ins Wasser und schwammen kraulend auf uns zu. Es schienen gute Schwimmer zu sein. Mein Vater winkte ihnen zu und wir schwammen ihnen entgegen so gut wir konnten. Hoffentlich wussten die Jungen, wie man jemanden im Wasser rettet.

Fast hatten sie uns erreicht, da hielten sie im Schwimmen inne. Langsam richteten sie sich im Wasser auf. Es reichte ihnen gerade mal bis zu den Knien - eine Sandbank. Auch wir standen auf und versuchten zu Stehen. Das funktionierte. Das Wasser stand mir bis zur Hüfte. Watend bewegten wir uns auf die Jugendlichen zu. Es waren zwei Jungs im Alter von etwa fünfzehn Jahren. Mir war es unendlich peinlich, so ein Theater gemacht zu haben und sie herbeigerufen zu haben. Wegen nichts. Mein Vater aber sagte "Danke schön, dass du gerufen hast." und zu den Jungs "Danke, dass ihr gekommen seid. Am Strand gehen wir nachher Eis essen." Die Jungs sagten: "Wir gehen jetzt mit euch, und wenn es nachher wieder tiefer wird, schwimmen wir neben euch her. Zusammen schaffen wir es bestimmt bis zum Ufer."

So haben wir es dann auch ohne Probleme geschafft. Als wir ankamen sagte mein Vater, sein Krampf sei nun praktisch weg.

Hinten am Strand vor den Dünen saß meine Mutter lesend im Liegestuhl, und meine Schwester sonnte sich auf der Krokodilmatratze. Sie hatten von allem nichts bemerkt. Und wir haben ihnen auch nichts erzählt.