High Heels Haul

Schon lange hatte sie Lust auf ein Abenteuer gehabt. Bequem ist eine Sache, schön eine andere. Heute würde sich Ulla für das Schöne entscheiden. High Heels! Die machen nicht nur größer, sondern auch einen eleganten Fuß und modellieren das Bein von der Wade bis zum Po. Bei den Kolleginnen hatte sie das beobachtet, und sie hatte auch bemerkt, dass ihr lediger Personalchef, Herr Willmann, bei der letzten Weihnachtsfeier allen Frauen in High Heels hinterher geschaut hatte.

Einundfünfzig war sie vor ein paar Wochen geworden, und sie war mal wieder auf Diät. Eineinhalb Kilo hatte sie schon verloren, damit hatte sie es unter die 80 kg Marke geschafft. Zeit sich zu belohnen.

Sie hätte natürlich auch anderes zu tun gehabt. Gerade heute Morgen waren etliche Dateien mit Reisekostenabrechnungen hereingekommen. Aber die konnten warten. Sie ließ sich doch nicht hetzen, wozu war sie im öffentlichen Dienst. Außerdem war ihre Kollegin heute nicht da, niemand der sie störte. Und so saß sie also alleine am Büroschreibtisch vor ihrem Computer auf ihrem Pezziball und freute sich auf einen ergiebigen Internet-Beutezug, auf ihren ersten High Heels Haul.

Ins Google Suchfeld tippte sie 'high heels' ein. Vier Exemplare wurden ihr gleich oben bei den Suchergebnissen angeboten. Aber zuerst wollte sie sich einfach nur umschauen und klickte auf den ersten Link, Zalando, in dessen Beschreibung es hieß: "Deine High Heels sind dir heilig? ... denn je höher der Absatz, desto verlockender der Schuh".

Ja, verlockend waren High Heels, aber ein wenig fürchtete sie sich vor den ganz hohen. Sie hatte damit noch keine Übung, und sie wusste, dass man sich beim Umknicken den Fuß brechen kann. Trotzdem sah sie sich auf der Website gerade auch bei den höchsten um, klickte ein ganzes Dutzend von Modellen groß, schaute sich mit der Bildschirmlupe jedes Detail an und erfreute sich am Anblick.

Die Zalando Angebote waren zwar preiswert, aber insgesamt ziemlich brav. Dennoch bestellte sie zwei Paar, Pumps und Sandaletten, die Stilettoabsätze mit einer Aufstandsfläche von der Größe eines Nagelkopfs, beide in glitzerndem Rosé - "Rosé ist genau meine Farbe." Der Einkauf war schnell erledigt, denn bei Zalando hatte sie schon ein Konto.

Ihr war aber heute nach etwas Exquisiterem. Sie wechselte den Shop und klickte dazu auf den zweiten Suchergebnis-Link, der sie zu Brunello Cucinelli führte. Hier sah die Welt schon anders aus. Kein Schuh unter 500 Euro und man bekam Zitate von Immanuel Kant kostenlos dazu. Gleich oben fand sie die Sneakers aus den Google Suchergebnissen wieder. Sie bestanden aus Baumwollgewebe und Plastik, waren damit sogar vegan, und schon für 880 Euro zu haben. "Damit macht Nordic Walking am Sonntag wieder Spaß." Kurzentschlossen klickte sie sie in den Warenkorb. Und dann entdeckte sie, dass es dieselben Sneakers auch aus Velourleder in Schlammbraun gab, nur 110 Euro teurer. Todschick zum Einkaufen gehen am Wochenende. Die müssen es sein. "Schlammbraun, genau danach habe ich gesucht." Auch die Flip-flops für 510 Euro, die sie gleich daneben fand, hatten zufälligerweise eben diesen Ton. "Für den Sommer! Klick, klick ins Körbchen." - Halt! Eigentlich hatte sie doch High Heels gewollt. Hier schien sie dafür nicht richtig, hier hatten die Schuhe alle einen zu niedrigen Absatz.

Sie versuchte das nächste Suchergebnis, net-a-porter, klickte dort auf "Schuhe" und filterte nach "Schuhe mit hohem Absatz". Bingo - 395 Angebote. Als die Bildchen erschienen wippte sie vor Erregung ein wenig auf und ab auf ihrem Pezziball. "Rucke di guh, rucke di guh!"

Gleich fielen ihr ein Paar schwarze Lacklederpumps von Dolce & Gabbana auf. Der Schuh zeigte viel Haut und hatte einen hohen spitzen Absatz. "Geringe Bestände" stand darunter. Das half ihr, sich schnell zu entscheiden und das süße Nichts für 545 Euro in den Einkaufswagen zu befördern. "Die passen herrlich zu meinem Bleistiftrock."

Sie brauchte nur wenig zu scrollen, bis sie die nächste Beute fand, Gianvito Rossi Pumps aus rotgefärbtem Pythonleder. Bei ihnen war der Absatz noch höher und vorne waren sie provozierend spitz. "950 Euro sind dafür wohl angemessen", dachte sie. Auch hier waren die Bestände in ihrer Größe angeblich gering, also beeilte sie sich, sich die Schuhe zu sichern.

Ja, und dann waren weiter unten noch diese herrlichen Lexi Mules von Saint Laurent, aus Leder mit Krokodileffekt und einem kristallbesetztem Schleifchen vorne. Der dünne, spitze Absatz war 10 cm hoch. Man warnte sie, dass sie klein ausfielen - egal - und empfahl ihr dazu einen reizvollen Stretch Bandeau-BH. Nein, den BH wollte sie nicht. Der Schuh selbst blieb mit 795 Euro nämlich unter 800 Euro - so wie sie jetzt unter 80 kg bleiben wollte mit ihrem Gewicht. Ja, das war ihr Schuh."Das schicke Schwarz passt genau zu meinem Typ."

Längst war es Mittagessenszeit geworden. Ihre Kolleginnen saßen vermutlich schon alle in der Kantine. Heute gab es Milchreis mit Pflaumenmus, eine ihrer Lieblingsspeisen. Aber diesen Einkauf musste sie noch abschließen. Sie ging zum Bezahlen, erstellte flugs ein neues Konto und ließ ihre MasterCard belasten. Wie auf Wolken schwebte sie danach der Kantine zu.

In den nächsten Tagen würde mehrmals der Paketbote vor der Türe stehen, und vielleicht wäre ja wieder der nette, junge mit den lockigen schwarzen Haaren und den braunen Augen dabei. Voller Vorfreude und mit einem sinnlichen Lächeln würde sie die Pakete entgegen nehmen und in ihr Schlafzimmer tragen. Es gab niemanden, der sie stören könnte, sie war ja alleine. Natürlich hätte sie alle Pakete am liebsten gleich hemmungslos aufgerissen, aber sie konnte sich beherrschen und würde sorgfältig auspacken. Zuerst würde sie ihr weißes, figurbetonendes langes Abendkleid anziehen, dann erst die Schuhe. Vor den großen Spiegelschrank würde sie sich stellen und sich drehen und biegen und den Kleidsaum heben, um die die Schuhe an ihren nackten Füßen von allen Seiten begutachten zu können. Mit gestrafftem Körper würde sie ums Bett herum stolzieren und sich dabei um sich selbst drehen. Wie eine Ballkönigin würde sie sich fühlen. "Rucke di guh, rucke di guh / kein Blut im Schuh ..."

Schließlich würde sie elegant auf einem Bein balancierend die Schuhe ausziehen, sie in den leeren Karton legen und in den Umkarton einschließen. Aus der Küche würde sie Paketband holen um das alte Paket neu zu verkleben.

Natürlich gingen alle Schuhe zurück. Etwas anderes war nie infrage gekommen. Und traurig sein darüber, traurig sein oder gar weinen kam erst recht nicht infrage. Sie war doch eine Frohnatur.