Kaufverfehlung
"Iiiih", tönte es aus dem Flur. Und gleich darauf "Möördeer*in!" Ich kam aus meinem Zimmer und sah nach. Emily stand da, starr vornübergebeugt als müsste sie sich übergeben, und hielt einen Zettel in der abgespreizten Rechten. Das wird doch nicht - doch, das war er wohl: mein Einkaufszettel. War mir wahrscheinlich aus der Gesäßtasche gerutscht. Emily verschwand damit in ihrem Zimmer und schlug die Tür zu. Mir schwante Unheil. Sofort war mir eingefallen, was darauf stand, nämlich etwas, das ich für eine Freundin hatte besorgen sollen. Wie konnte ich das jetzt erklären?
Für den Abend berief Emily eine WG-Versammlung ein. Einziger Tagesordnungspunkt: mein Einkaufszettel. Emily knallte ihn mitten auf den großen Küchentisch. Keiner traute sich ihn anzufassen, manche versuchten zu lesen, was darauf stand.
"Wir dulden das hier nicht!", sagte Annalena bestimmend und herablassend. "Wage es bloß nicht, so etwas in unseren Kühlschrank zu legen." "Es war ja nicht für mich", versuchte ich mich schwach zu verteidigen."An sowas solltest du nicht einmal denken. Das ist abartig, super eklig. Das geht gar nicht!", fiel Hannah mir sofort ins Wort und beugte sich drohend über den Tisch. Ich sagte nichts mehr, sah in den Gesichtern ringsum, dass ich auf verlorenem Posten saß. "Letzte Verwarnung", stieß Emily aus mit puterrotem Gesicht und fast gebrochener Stimme. "Noch einmal und du fliegst raus, sofort!" Ich nickte erst langsam und dann hastiger vor Angst.
Die Versammlung löste sich auf und Emily nahm das Beweisstück mit. Billy, die an einer Tischecke gesessen hatte und aus Solidarität mit den anderen betroffen geschaut hatte, kam auf mich zu. "Nochmal davongekommen, was? - Aber sag mal, was stand denn nun auf dem Zettel?" Kleinlaut und zitternd gestand ich es: "100g Salami".

